Zum Geleit

Von 2006 bis zum Herbst 2010 führte ich ein Tourtagebuch meiner Lesereisen, Auftritte und Erlebnisse auf MySpace, bis diese Tradition einschlief. Diese Beiträge wurden in ihrem gesamten Umfang von dem fantastischen Kollegen und freien Lektor
Hendrik Heisterberg gesichtet, restauriert und hierher übertragen. Die Lücke zwischen Herbst 2010 und Winter 2012 klafft immer noch, doch nun, im Jahre 2013, setze ich meinen guten Vorsatz um und schreibe wieder Tourtagebuch in Echtzeit. Die fehlenden Beiträge aus den zweieinhalb Jahren dazwischen hole ich dann zwischendurch einfach nach. Denn meine Erinnerungen sind frisch, als wären die Lese-Events alle gestern gewesen. Viel Freude beim (Wieder-)lesen!

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Tourtagebuch – 08.05.2014 Leer, Kulturspeicher (Finn) | Hannover, Ahrbergviertel

Da sitzen sie. 160 junge Menschen zwischen fünfter und siebter Klasse, aufgeteilt in zwei Lesungen von je einer Stunde plus Fragen. Von der achten bis zur zehnten Klasse kann man sich die Fragen sparen, dann sind sie in dem Alter, wo Neugier als Schwäche gilt, außer sie betrifft die Frage, ob schon jemand das Handyvideo von Cheyennes Party online gestellt hat. Aber in der Siebten fragen sie. Wie man auf so was kommt. Was mein Lieblingsverein ist. Woher ich komme. Die Fünfer fragen noch mehr und außerordentlich putzig. Ein Junge will wissen, ob ich in Leer lebe. “Nein, nein”, sage ich, “ich fahre ständig durch die Gegend.” Die zwei Auftritte hintereinander stelle ich aus allen drei Bänden von Finn vollkommen verschieden zusammen. Es muss für mich selbst spannend bleiben. Hätte ich eine Band, würde ich meine Mitmusiker zwingen, stets alle (!) Songs aus dem Gesamtwerk parat zu haben, um jederzeit variieren zu können. Bevor ich Leer verlasse, spaziere ich erneut über die Bohlen an den Booten in der Ems vorbei. “Die Menschen leben da”, hat man mir zwischenzeitlich erzählt, die urigen Kähne an diesem Abschnitt des “Leerpfads” sind praktisch Hausboote.

Absolut kein Hausboot ist die Unterkunft, die ich viele Stunden später in Hannover betrete. Eigentlich wäre ich heute in Kiel, doch der Auftritt fällt aus, so dass ich mir in der Stadt der Scorpions und des Ex-Kanzlers, in der ich morgen spiele, für die heutige Nacht davor selbst ein Hotel gebucht habe. “Sortieren nach Preis, billigste zuerst” war mein Motto bei der Reservierung im Netz und so stehe ich nun im Treppenhaus eines Gebäudes, das nicht bloß das Hotel im Ahrbergviertel beinhaltet, sondern auch mehrere Sozialbüros und einige neurotische Zimmerpalmen im Treppenhaus, die depressiv geworden sind, weil sie aus dem Fenster auf einen Hof hinausschauen, der aussieht wie bei “Mad Max”. Der Frühstücksaal ist finsterer als ein Siebzigerjahrekrimi, in dem die Ermittler bauklotzgroße Brillen tragen, und das Zimmer ist mit “zweckmäßig” angemessen beschrieben. Es löst bei mir diese seltsame Dankbarkeit aus, die ich empfinde, wenn ich am untersten Ende der Preisspanne übernachte. Ich stelle mir dann vor, wie schlecht es die meisten Menschen auf der welt haben, vergleiche damit den Raum mit Bett, Heizung, kleinem Fernseher, Klo und Dusche und sage mir, als wäre es ein solcher Luxus wie woanders die Wellness-Oase: “Oh, sieh an, da steht noch ein Duschgel mit Kirschgeruch!” Im Fernseher debattieren Martin Schulz und Jean-Claude Juncker darüber, was sie jeweils zur Chefsache machen werden, falls sie Präsident der EU-Kommission werden. Ich drehe die Heizung auf, mummele mich ein und mache den E.T.: Nach Hause telefonieren. Dann schlafe ich über dem Geplapper der Politiker ein.

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Tourtagebuch – 07.05.2014 Leer, Kulturspeicher (Überleben beim Fußball)

Alle machen irgendwas. Borussia Leer zum Beispiel wollte vor einigen Jahren richtig durchstarten. Größer werden. Aufsteigen. Den Platz erneuern. “Schließlich”, erzählt mir der Veranstalter, “haben sie sich von einem windigen Holländer den Rasen versauen lassen.” Alles musste neu gemacht werden. Als ich das letzte Mal in Leer war, ist mir vom Auto der Auspuff abgefallen. Bei voller Fahrt stemmte es den Wagen nach oben und rammte ihn wieder auf die Straße. Funken flogen. Das einsame Dorf einige Kilometer vor der Stadt bekam endlich etwas zu sehen. Sein Name ist mir entfallen. Beim Auftritt heute Abend im stimmungsvollen Kulturspeicher nenne ich es einfach “Nothing Gulch”. Die Atmosphäre des Speichers ist einmalig. Hier wird sonst Jazz gespielt, an der Wand hängen gerahmte Bilder arrivierter Quartette und Trios. Ein paar Amerikaner haben auf ihr Foto geschrieben: “What a beautiful place to live!” Für sie, so höre ich, ist eine ostfriesische Stadt mit Fachwerk und Kopfsteinpflaster wie ein Ausflug ins Fantasialand. “Good old Europe”, sagen sie immer, weil sie so etwas nicht kennen. Uralte Häuser. Schmale Gassen. Innenstädte. Das ZDF hat in Leer einen Samstagskrimi gedreht. Der ortsansässige Autor Klaus-Peter Wolf schreibt Romane, die in Friesland spielen und betreibt außerdem
Tatort Taraxacum – Buchhandlung, Café, Restaurant und Verlag. Alle machen irgendwas. Ich hingegen suche die Ruhe nach meinem ersten Vortrag. Morgen früh geht es im gleichen Raum weiter, dann sitzen dort, wo heute Erwachsene an Tischen über das Fußballkabarett lachten, 160 Teenager aus den örtlichen Schulen und lauschen in zwei langen Runden den Abenteuern von Finn. An der Ems hinter dem Speicher verläuft ein Bohlenweg entlang des Wassers. In einem idyllischen alten Kahn namens Old Lady ist noch Licht. Dämmerig, teakholzfarben. Ein Vogelkäfig baumelt in der Kabine, ohne Vogel. Das Wasser glitzert und flüstert.

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Tourtagebuch – 15.03.2014 Leipzig, Buchmesse

Es ist ja so. Man könnte angeben. Damit, wen man angeblich ständig trifft auf so einer Messe. Man könnte sagen: “Ich habe Roger Willemsen getroffen.” Oder Ulrich Wickert. Dann machen alle große Augen, weil “treffen” bei einem Autoren heißt: Backstage getroffen. Aber was heißt das? Es heißt: Roger quetscht sich an mir vorbei im engen “Backstageraum” des MDR-Standes in der Glashalle, von wo aus live Sendungen übertragen werden, lächelt höflich und denkt sich: “Wer ist das denn, der komische Ziegenbart?” Während ich mir denke: “Wir haben den gleichen Verlag, Roger, aber noch nie geredet, weil ich nicht zu den Partys und Empfängen gehe.” Ulrich Wickert sagt derweil: “Ist das Ihre Tasche?” Die steht nämlich im Weg, meine Tasche. Dann räumt man sie kleinlaut weg und kann sagen: “Ulrich Wickert sprach mit mir.” Wobei das ein guter Buchtitel wäre. Oder ein Name für ein Lied von Tocotronic. “Ulrich Wickert sprach mit mir”. Der Mann, der vor mir am Mittag im Autorenforum liest, ist zwei Meter breit, trägt ein Eishockeytrikot und hat eine Stimme wie ein Subwoofer. Er – dessen Name ich leider vergaß und nicht mehr im Netz finde – hat ein Buch über seine radikale Vergangenheit als ehemaliger Neonazi, Eishockeypieler und, nun ja, heftiger Typ geschrieben und liest daraus gemeinsam mit seinem Verleger vor. Der Verleger ist eine Fliege gegen ihn. Physisch und stimmlich. Als er fertig ist, gebe ich dem Riesen die Hand und sage: “Du hast für mich schon jetzt die Stimme der Messe.” Er brummt dankbar und akzeptiert mich als Kollegen. Immerhin trage ich ein Fußballtrikot des Vfl Bochum. Das gleiche Leibchen behalte ich am Abend auf dem Podium des Stadtverordnetensaals im Neuen Rathaus bei meiner dritten Sputnik LitPop an. Dazu habe ich den Schal meines Heimatvereins SV Herbern über das Pult geschwungen, der fußballerischen Perle Westfalens. Der volle Saal tobt bei den sportlichen Anekdoten. Die LitPop ist ein Traum für jeden Performer. Das Publikum, das sich hier in die Reihen setzt, bringt die gute Laune immer schon automatisch mit. Mein Bühnennachfolger Götz Schartner berichtet aus der Welt der mangelnden Internetsicherheit und hackt mal eben nur als Beispiel problemlos die Mobiltelefone des Publikums. Das ist irgendwie noch beeindruckender als meine Hackentricks beim Fußball. Auch und gerade weil dabei keinem mehr zum Lachen zumute ist …

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Tourtagebuch – 14.03.2014 Leipzig, Café Cantona

Auf dem Weg zu Leipzigs bedeutsamer Fußballkneipe befrage ich den Taxifahrer zur örtlichen Ballsportkultur. Leipzig ist schließlich nicht irgendeine Großstadt, sondern Schauplatz eines Kulturkampfes. Harte Tradition gegen bunten Kommerz. Die alteingesessenen Vereine Lokomotive Leipzig und BSG Chemie Leipzig sehen sich dem neuen Phantasialand des Fußballs gegenüber: RB Leipzig, die offiziell so tun müssen, als stünde “RB” für Rasenball statt für Red Bull, sich selbst und ihre Webseite aber “Die roten Bullen” nennen. Das heißt: Spröder, wenig benutzerfreundlicher Fußball in der Regional- (Lok) oder Bezirksliga (Chemie) mit scharfkantiger Fanlandschaft gegen maximal harmloses Stadion-Erlebnis für die ganze Familie. Ich für meinen Teil muss im prall gefüllten Café Cantona bei meiner Show eher brüllen wie ein Ultra im Krawallbecken, denn der hintere Teil des Restaurants ist gefüllt mit Menschen, die nur zufällig hier sind und mich nicht als Autor, sondern als Pianisten oder Indie-Folk-Sänger betrachten, der sie im Hintergrund etwas beschallt, während Kaffeemaschinen Bohnen zermahlen und Gläser klimpern. Bock macht’s trotzdem. Mein Lektor ist da und die ersten Reihen sind voller Uschmann-Ultras. Einer davon verstrickt mich nach der Show in ein langes Nerd-Gespräch über Fußball. Als er weg ist, plaudere ich noch einige Bierlängen weiter mit dem Chef der Kneipe über die Ambivalenz des Kulturkampfes. Der Chef ist Traditionalist wie ich, aber die Profispieler von Red Bull, die hier bei ihm teilweise Stammgäste sind, stellen sich natürlich alle als nette, patente Jungs heraus. Es ist wie in der Musik: Wenn beim Ruhrpott Rodeo Knochenfabrik oder Emscherkurve 77 als Vertreter der Punkrockbasis auftreten, müssen sie nicht unbedingt bessere Menschen sein als Pennywise und Millencolin, die 80.000 Platten mehr verkaufen. Bis zwei Uhr nachts persönlich beim Bier über Fußball zu plaudern, nachdem ich zuvor schon offiziell vor hundert Menschen über Fußball geplaudert habe, ist jedenfalls angesichts des morgigen Tages, an dem ich fit und ausgeruht die Arena der Messe betreten muss, unklug gewesen. Unklug, aber in seiner nerdigen Geselligkeit absolut wunderbar …

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Tourtagebuch – 11.03.2014 Heinsberg, Buchhandlung Gollenstedde

Anstoß zur neuen Saison. Die offizielle Premiere von Überleben beim Fußball findet in Heinsberg bei Aachen statt, auf halbem Weg nach Holland. Ich hätte es auch einfacher haben können. Einfach in Bochum eine Vereinskneipe mieten und ab dafür. Erste Show zum Fußball in Hartmut-City. Freibier. Volles Haus. Aber nein … ich will’s wieder ganz anders. Unauffällig. Behaglich. In Heinsberg. Wo ich noch nie war. In einer niedlichen Buchhandlung mit Schreibwarenecke. Tagebücher. Ledereinbände. Schönschreibfüller. Das Backdrop hinter meinem Lesesessel zeigt eine abendlich beleuchtete Stadtmauer. Die 22 Stühle, die Chef Marcus Mesche hat aufstellen lassen, reichen für exakt zwei Fußballmannschaften. Die kommen aber nicht. Der 1. FC 1910 Heinsberg-Lieck kam am Wochenende über ein Unentschieden nicht hinaus. Die zweite Mannschaft musste sich sogar bei der B-Elf des SV Waldfeucht-Bocket geschlagen geben. Ein Vereinsname, den ich schon jetzt in meine Liste der besten Clubtitel aufnehme. Ich selbst muss bei Anpfiff der Lesung erkennen, dass ich leider einen klassischen Fehler erfahrener Mannschaften gemacht habe: Ich überschätzte mich. Alles Mögliche habe ich in meinem Vorleseexemplar für die kommenden Monate auf den Bühnen des Landes notiert. Anekdoten, Querverweise, Listen. Aber vergessen habe ich: Die Seitenzahlen. Blätterraschelnd dauert es also etwas, bis ich gut ins Spiel komme. Ich nenne es mal “die Abtastphase”, auch die Bilder auf dem Beamer sitzen noch nicht da, wo sie sollen, aber als es dann endlich läuft, unterhalte ich die Anwesenden, von denen augenscheinlich keiner zum 1. FC 1910 Heinsberg gehört, sehr ordentlich. Ein jüngerer Herr, der ein bisschen wie Linus Volkmann aussieht, lässt viele “Genau!”-Gesichtsausdrücke erkennen und kauft hinterher ein Buch. Ein älterer Skeptiker, der etwas von Friedhelm Funkel hat, verschränkt bis tief in die zweite Halbzeit die Arme. Herr Mesche schmeißt sich weg. Den etwas kargen Besuch führt er auf die parallel laufende Bürgerversammlung zurück. Außerdem spielt heute Abend Bayern München gegen den FC Arsenal. Die Briten trotzen den Bayern – vor allem durch vollen Einsatz von Lukas Podolski – ein solides Unentschieden ab. Ein Ergebnis, das auch für mich zum heutigen Abend passt.

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Tourtagebuch – 06.03.2014 Berlin, Sendegebäude N24

“Eben haben wir noch geschlafen.” Das ist ein Lieblingssatz aus der Serie “Grey’s Anatomy”, erstaunt geäußert von erfahrenen Chirurgen, die doch jedes Mal von Neuem darüber erstaunt sind, wie schnell das Unerwartete über einen hereinbricht. Ich könnte heute sagen: “Eben war ich noch im Dorf.” Und jetzt? In der Maske von N24 in Berlin. Puder auf die Pläte. Zuvor: Im Flieger von Düsseldorf in die Hauptstadt. Die Autobahn um 3 Uhr nachts. Der Flughafen um 4:35 Uhr am Morgen. Leere und Melancholie, aber auch Aufbruch. Der Nachrichtensender mit den Dauerlaufmeldungsbändern im unteren Bildschirmrand hat mich eingeladen, um einen Tag lang in mehreren Slots das gestrige Länderspiel Deutschlands gegen Chile zu kommentieren, auf meine Art, satirisch und überspitzt, anlässlich des neuen Buches. Unter mir wird, als ich live drauf bin, der Begriff “Fußball-Experte” eingeblendet, was mich leicht erröten lässt. Zwar würde ich sagen, dass ich das bin, doch eine Titulierung als “Satiriker” wäre mir lieber. Ich halte schließlich während der drei Studioauftritte, die mir vergönnt sind, mit meiner Meinung nicht hinterm Berg. Mache “Jogi” zum Zaghaften, der sich nicht mal traut, einen Navy Seal wie Andre Hahn bei einem Testspiel auch wirklich zu testen, wenn es genau ihn gegen die physisch wuchtigen Chilenen gebraucht hätte. Zeichne überspitzt und mit dickem Edding. Mache Vorschläge, was wir brauchen für die WM 2014: Tiki-Taka und alte Werte. “Zauberkopf und Malocherumpf.” Das Ganze ist eine interessante Erfahrung. In der Zeit, in der man nicht live dran ist, wartet man im “VIP-Raum” eine Etage über dem Studio und lernt dort im Eiltempo eine Menge Leute kennen, die ebenfalls ihren Keks in den Kaffee tunken, bevor sie zu ihren Themen unten erwartet werden. Den ehemaligen Emnid-Chef Klaus-Peter Schöppner. Den liberalen Anwalt Helmut Naujoks, der gleich im Studio Friedman zum Thema Steuern gegen den Linken-Politiker Michael Schlecht antritt. Den russischen Journalisten Ivan Radionov, der in seinen drei unzensierten Sendeminuten mächtig polarisiert. Bewundernswert die logistische Jonglierleistung von Gesprächsmanager Bernhard Lauster, der all die Gäste und Themen planen, leiten und selbst im Stoff sein muss. Pamm, pamm, pamm, Dutzende von Personen und Sachverhalten pro Tag. Zwischendrin ist genau bemessen Zeit, mit mir Essen zu gehen. Kurz vor meinem Abflug zum Abflug holt mich ein anderer Reporter noch mal zwecks eines O-Ton für die Sat1 News vor eine Kamera. Ich lästere darüber, dass Nationalspieler Testspiele ungefähr so ernst nehmen wie wir früher die letzte Woche vor den Ferien (Wird gesendet). Außerdem schlage ich Jogi vor, zur Überraschung aller Thomas Broich aus Australien zurückzuholen und die WM mitspielen zu lassen (wird nicht gesendet). Für die Zukunft habe ich eine legére Einladung, immer, wenn ich mal in Berlin bin, vorbeizukommen, um den Fußball zu kommentieren. Oder andere Phänomene. Ich freu mich.

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Tourtagebuch – 12.02.2014 Bochum, Biercafé

“Irgendjemand hier noch Chili? Mit Gehacktes? Chili? Sie vielleicht?”
Höflich, aber erfolglos hält mein Freund und Kollege Hendrik den Besuchern von Konnis Imbiss seinen Teller unter die Nase. Die Männer, die heute Abend in dem Bochumer Grill sitzen, sind durchaus Fleischfresser. Anders als Hendrik, der bei der Bestellung der Chili-Kartoffel vergaß, dass “Chili” im Ruhrpott natürlich immer “con carne” heißt. Allein: Sie wollen nicht. Die Maler und Anstreicher nicht, der Fußballfan nicht und auch nicht die beiden Polizeibeamten, die ihre Pause bei einer Currywurst genießen. Hendrik und ich sind in einer halben Stunde im Biercafé dran, gemeinsam die kleine Bühne zu rocken. Auf dem Plakat des Abends steht “Paranoid Hendroid feat. Oliver Uschmann”, was Hendrik ein wenig unangenehm ist. “Schließlich bist du der Headliner”, sagt er und lässt sich das Chili einpacken, “für die Frau.” Mich stört es nicht, dass ich heute abend nur The Funky Bunch bin und Hendrik in seiner Rolle als Paranoid Hendroid Marky Mark. Er ist mindestens ebenso Rampensau wie ich, auch als hagerer Vegetarier. Einige der Besucher rätseln mit mir nach dem Auftritt: Sieht er eher aus wie Orlando Bloom oder der frühe Hugh Grant? Charmant ist er auf jeden Fall, mit seinen unglaublichen Liedern, die nach eigener Aussage “von Technikangst und Sozialgedöns” handeln. Ein unglaublich guter Titel für ein Album wäre das, “Technikangst und Sozialgedöns”, volles Lob in Intro und Spex und im Querverweis bei Amazon stünde: “Kunden haben auch gelkauft: Olli Schulz, Helge Schneider, Spacemen Spiff.” Kommt noch.
Jetzt erstmal: Spielfreude.
Bei ihm, bei mir.
Ich bringe viel Wenn Männer baden gehen und ein paar erste Kostproben aus Überleben beim Fußball. Ein tätowierter Mittzwanziger am Tisch vor der Bühne empfiehlt seinen Mitgereisten so laut wie euphorisch den örtlichen Whiskey, kriegt aber gleichzeitig alles mit und lobt nach der Show die Pointen über den Klee. Die kleine Kneipe ist ansonsten zur Hälfte mit Freunden, Künstlerkollegen und Klienten aus dem Talentscouting gefüllt, das Hendrik mit seinem Roman-Projekt zum größten Teil von mir als “Wortguru” übernommen hat. Es ist ein schöner Abend, auch, weil – anders als noch beim letzten Mal – das Biercafé nun auch eine Luftatmerkneipe geworden ist. Das ist bedauerlich für die Raucher, die sich an diesem regnerischen Abend im Zelt mit Heizpilz versammeln, aber gut für unsere Stimmen. Vor allem für die von Hendrik, dem samtenen wie bissigen Satire-Barden, der Song für Song präsenter wird. Auch und vor allem, weil ihm kein Chili con carne schwer im Magen liegen kann.

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Tourtagebuch – 05.06.2013 Berlin & Kleinmachnow, Offday

Da Dresden ausfällt und ich morgen in Potsdam gastiere, fahre ich direkt nach Berlin. Ich will später am Tag meinen Agenten treffen, vorher eine Bleibe finden, Schwimmen gehen. Tage, die ich komplett frei gestalten kann, machen mich unruhig. Ich habe dann den Anspruch an mich selbst, alles, was irgendwie liegen geblieben ist, in den paar offenen Stunden zu erledigen. 198 Mails checken. Ein Exposé schreiben. Tourtagebücher aus Jahren nachholen. Telefonate erledigen. Menschen treffen. Dazu kommt, dass ich für die Umwelt um mich herum in einer Stadt wie Berlin keinen Filter habe. Jedes interessante Geschäft, jede Galerie, jeder antike Buchhändler und jede verdammte Imbissbude, die irgendwas Vegetarisches anbietet, das es auf dem westfälischen Dorf nicht gibt, zieht mich an. Ruft mich. Sagt: Du musst alles wahrnehmen, darfst nichts auslassen! Gleichzeitig flüchte ich vor diesem Overkill und checke absichtlich nicht in ein Innenstadthotel ein, sondern fahre auf einen Campingplatz am Kanal in Kleinmachnow, City Camping Berlin, ein irreführender Name, denn nichts könnte weniger “City” sein als dieser kleine, brüchige Streifen nahe des Gewerbegebiets Europarc genau zwischen Berlin und Potsdam. Arbeiter nächtigen in dem kleinen Hotel, das mit Zimmern ab 18 Euro lang und schmal am Campingplatz steht, mit einer alten, roten, halbrunden Vordachplane über der mit grünem Filz belegten Treppe. Friedhöfe und Campingplätze stimmen mich gelassener, doch sobald ich wieder unterwegs bin, geht die Unruhe weiter. Ich finde kein Schwimmbad, das mir passt. Das Wasser im Freibad Kleinmachnow ist mit 17 Grad zu kalt für die mindestens 60 Bahnen, die ich absolvieren will. Die Schwimmhalle Hüttenberg öffnet für Nichtvereinsmitglieder erst ab 16 Uhr. Zwischen der Suche nach einem Nass, das mich aufnimmt, telefoniere und simse ich unablässig wegen wichtiger beruflicher und privater Dinge. Als mir der Strom meines neuen Telefons ausgeht, stürze ich wie ein Süchtiger auf Entzug in einen real-Supermarkt und einen Medi Max, um sämtliche Unterwegsladegeräte für Auto und Steckdose zu kaufen, die es gibt. Ich brauche Saft, Saft, Saft! Zwischendrin kippe ich mir Kaffee zum Mitnehmen in den Nacken und schlinge gegrillten Ziegenkäse im Brot herunter. Der Ziegenkäse stammt aus einer Bude in Charlottenburg nahe Savignyplatz … ach so, ich bin schon in der Stadt. Wo war ich die letzten zwei Stunden? Richtig, am Wannsee, nachdem kein Bad aufhatte, der See sah mich nur ganz kurz, das Wasser war auch hier zum Bahnen ziehen zu frisch, welch ein Wunder, der Besuch verging so schnell, dass ich ihn kaum bemerkt habe. Nur ein neuer Begriff blieb mir im Gedächtnis: “Magerrasen”. Er stand auf einem Schild im Park des Wannseebads. Magerrasen, eine struppige Form von Wiese, die auch bei Trockenheit wächst und einer großen Artenvielfalt Raum bietet. Deswegen darf man hier nicht von den Wegen runter.

Vor dem Café Jules Verne, wo ich meinen Agenten treffen werde, sitzt einen Tisch weiter eine lebendige Karikatur. Ein Mann, braun gebrannt, schwarze, lange, gegelte Haare, teure Uhr mit Panzergliedern, iPhone und diesem überheblichen, sich selbst so geil findenden Blick, wie ihn nur Berliner Medienschaffende haben. Er redet mit seiner Begleiterin über die Doku-Soap, die er gerade konzipiert und er tut es auf eine Weise, die ich niemals erfinden würde, da es dann zu übertrieben klänge. “Der Signature Song wird ‘Sing Hallelujah! von Dr. Alban’”, sagt er und beugt sich vor, “das ist richtig schön Scheiße, voll 90er-Jahre und passt zum Thema. Hallelujah, wir tun es wirklich!” Der Mann ist erregt über sich selbst und simuliert zugleich coole Überlegenheit. “Das wird Hochglanz, kein Trash, ja? Sex & The City, nur eben in echt.” Stolz berichtet er, wie er die Darsteller seiner Soap kürzlich kennen lernte und sie bereits abseits der Kamera begannen, übereinander herzuziehen, sobald einer weg war. “Das gibt richtig geile Konflikte”, freut sich der Mann und reibt seine großen Hände. “Und danach”, sagt er und lehnt sich zurück, “muss ich unbedingt noch eine deutsche Vampirserie machen, über Liebe, Familie und Verrat.” Sein Grinsen ist feist. Menschen, die ihr ganzes Berufsleben damit verbringen, Würmer zu erschaffen, die nur dem Fisch schmecken statt dem Angler (wie Dieter Bohlen es zu sagen pflegt) bevölkern diese Stadt auf allen Ebenen.

Am Abend trainiere ich ein wenig meine Muskeln auf dem winzigen Zimmer, während Michael Ballack in Leipzig sein Abschiedsspiel hat. Eine Weltauswahl gegen das Team “Ballack & Friends”. Das Spiel gibt Sylvia Recht, denn sie vertritt die These, dass Fußball als Leistungssport und Ersatzkrieg mit Freude an der Sache nichts zu tun hat. Man sieht das immer dann, wenn ein Mal im Jahr ein Spiel einfach so stattfindet. Aus Spaß. Unter Freunden. Wegen eines Abschieds oder einer Spendenaktion für den guten Zweck. Denn: Sie lächeln. Alle. Ballack, der seine Karriere beendet. Lahm, mit dem er sich öffentlich versöhnt. Drogba, Schürrle, Klose … all die noch aktiven Spieler genauso wie erst Recht die längst pensionierten, die sich noch mal für ihren Freund auf den Rasen begeben. Sie haben längst eine Plauze und schütteres Haar, wenige Jahre nach dem Ende ihrer Laufbahn. Wahrscheinlich haben sie am Tage ihres letzten Spiels schon mit dem nervigen Trainieren aufgehört und sich endlich wieder gehen lassen. Und sie lächeln. Frei, befreit. Sie spielen einfach Fußball. Der Schiedsrichter trägt eine Kamera an der Brust für witzige Live-Aufnahmen und scherzt mit den Jungs. Heute ist es kein Sport, heute ist es ein Spiel. Ich muss fast weinen.

Als ich um 23:15 Uhr aufgrund überaus witziger Erzählungen Sylvias am Telefon lauthals im Zimmer lache und gröle, klopft ein Arbeiter wütend gegen die papierdünne Wand. Er muss morgen um 6 uhr raus und ist nicht wie die Camper oder der komische Schriftsteller mehr oder weniger zum Spaß hier. Schüchtern, wie ich abseits der Bühne bin, dämpfe ich augenblicklich meine Stimme und sage langsam Gute Nacht. Auf QVC preisen zwei ewig wache Männer Solarsteckleuchten für den Garten an, die im Gegensatz zur Baumarktware echtes Glas, Aluminium und eigens angefertigte Solarzellen statt aus der Industrie abfallende Reststücke verarbeitet haben. Man erkennt diese Reste an den Lötstellen, eine praktische Erkenntnis, die mich ähnlich befriedigt, wie mein neues Wissen über Borkenkäferkalamitäten. Die Verkäufer reden zehn Minuten allein über eine Leuchte, im Halbdunkel, ohne Schnitt und ohne “Sing Hallelujah!”, welches der Zyniker aus der City sofort darunterschneiden würde. Womöglich ist QVC ästhetischer Widerstand, die letzte Kohorte der Entschleunigung. Über diesen Gedanken schlafe ich, wie der von mir aufgebrachte Malocher nebenan, ein.

Campingplatz in Kleinmachnow

Blick aus dem "Hotel"-Fenster: Wohnwagen und Kanal. Beruhigend.

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Tourtagebuch – 04.06.2013 Neubrandenburg, Buchhandlung Hugendubel

Auf der Hinfahrt lerne ich lauter neue Begriffe. “Hochwassergaffer” zum Beispiel, schon jetzt ein Kandidat für das Wort des Jahres. Das Radio erzählt mir auf den gesamten 600 Kilometern der Reise vom aktuellen Stand in den überschwemmten Gebieten von Bayern und Sachsen. “Wenn Frau Merkel eine Pumpe bedienen und Sandsäcke schleppen kann, ist sie herzlich willkommen”, frotzelt ein Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks in das Mikrofon einer Journalistin. “Dass in dieser Lage die Nerven blank liegen, muss man verstehen”, beschwichtigt ein örtlicher Politiker. Der Moderator der Sendung sagt, Frau Merkel selber sei natürlich keinesfalls ein “Hochwassergaffer”, schließlich bringe sie freiwillig Geld mit. Die echten Sensationstouristen werden ab sofort mit Bußgeldern von 3000 Euro bestraft. Der Veranstalter der für morgen geplanten Show in Dresden erreicht mich auf einem Rasthof, der zur Ortschaft Vehlefanz gehört. Er sagt die Lesung ab, da es ab morgen in Dresden womöglich keinen Strom mehr gibt. In einer Allee warnt mich ein Schild an einem Baum vor dem “Eichenprozessspinner”, einem Blätter fressenden Schmetterling, der als Schädling bekämpft wird. Ich habe selten ein gefährlicher anmutendes, unangenehmeres Wort gehört. Viel schöner klingt da der Gartenschläfer, ein Vogel, der sich in ehemaligen Spechtlöchern einnistet. Ihn lerne ich in einer Reportage über den neuen, geplanten Nationalpark im Schwarzwald kennen, wo wieder Urwald entstehen soll, was der Holzwirtschaft gar nicht passt. Sie befürchtet, dass trotz eines 500 Meter breiten Streifens zwischen der neuen Wildnis und den wirtschaftlich genutzten Gebieten der Borkenkäfer auf das Nutzholz überwandert, denn dieses Tier darf in einem absichtlich sich selbst überlassenen Gebiet natürlich auch schalten und walten, wie es will. Das nennt man dann “Borkenkäferkalamität”. Was für eine lehrreiche Fahrt.

In Neubrandenburg empfängt mich die Belegschaft der örtlichen Filiale von Hugendubel überaus herzlich und gibt mir das Gefühl, dass meine Lesung für sie noch etwas Besonderes ist. Außerdem ist ein Superfan erschienene, Katrin. Katrin hat nahezu alle existierenden Bücher zum Unterschreiben dabei und ich komme dem Wunsch nach der Show gerne nach, denn Katrin und ihr Begleiter amüsieren sich in der ersten Reihe derart ausgelassen, dass sie aus dem rund 25 Personen umfassenden Publikum gefühlt eine enthusiastische 2000er-Halle machen. Ich komme sehr gut in den Fluss, plaudere und improvisiere, stehe auf und wandere bei einer Stand-Up-Einlage quer durch die Auslagentische mit Kinderspielzeug, Plüschschildkröten und Kalendern in Form alter Musikkassetten. Bücher gibt es allerdings auch in der Buchhandlung, zum Beispiel “Blankenburg” von Sibylle Lewitscharoff, einer Kollegin, die dieser Tage den Georg-Büchner-Preis gewonnen hat, den wichtigsten Literaturpokal Deutschlands. Den zweitwichtigsten(Ingeborg-Bachmann-Preis) gewann sie ebenfalls schon, darüber hinaus auch die dritt- bis zwanzigwichtigsten, an ihrer Wand befinden sich die Urkunden zum Kleist-Preis, zum Grimm-Preis, zum Marie-Luise-Kaschnitz-Preis und zum Preis der Leipziger Buchmesse … zum Berliner Literaturpreis, zum Ricarda-Huch-Preis, zum Marie-Luise-Fleißer-Preis. Tief auf dem Boden der Tatsachen verwurzelt, hebe ihre Prosa ständig ins Mystische ab, lasse ich mich vom Radio-Feuilleton aufklären. Das Mystische, das zugleich nicht esoterisch oder gar Fantasy ist, scheint ohnehin eine Preisgarantie zu sein, der letzte Nobelpreisträger Mo Yan ist auch Mystiker und pflegt den “halluzinatorischen Realismus”. Und welcher Roman aus unserem Gesamtwerk hat bislang als einziger einen “ernsten” Literaturpreis gewonnen? Die Wandelgermanen, auf welche der Begriff “halluzinatorischen Realismus” auch sehr gut zutrifft, denke ich mal.

Auf dem Weg ins Hotel am Ring gebe ich mir nach einem kurzen Abstecher zum Italiener auch noch eine Portion Mystik. Die alten, seit Anbeginn der Ortszeit erhaltenen Stadttore, die Neubrandenburg den Titel “Stadt der vier Tore” verleihen, werden in der Nacht auratisch beleuchtet. Unter ihnen das Kopfsteinpflaster, neben ihnen die alte Stadtmauer, auf der aufgeflanscht wie Wachposten – kleine Fachwerkhäuser sitzen, die im fahlen Licht so unwirklich scheinen, als sei ich in eine Folge von Grimm geraten. Für eine Sekunde glaube ich, hinter dem sich bewegenden Vorhang ein Gesicht zu erkennen, das sich für einen Augenblick in das einer Katze verwandelt. Ich eile zügig zum Ring, fahre zu meiner Suite im 14. Stock hinauf, die Hugendubel hat springen lassen und denke während des leisen Surrens der komplett in Stoff gekleideten Kabine an Borkenkäfer, die sich unter die Rinde schieben und Sandsäcke, die in Sachsen dumpf auf die Deiche klatschen.

Stadttor in Neubrandenburg

Mystisches Erschauern - ein Stadttor in Neubrandenburg

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Tourtagebuch – 28.05.2013 Adendorf, Schule am Katzenberg (Tag 2)

Lebenskulturen … im Lehrerzimmer der Adendorfer Schule am Katzenberg zeugen Bilder und Scherzpostkarten von der fatalistischen Haltung des pädagogischen Personals. “Scheissegal, wie der Tag war”, steht dort auf einem bunten A4-Ausdruck am Schrank eines Lehrkörpers, “immer erhobenen Hauptes nach Hause gehen!” Das Bild dazu zeigt einen zerrupften Hahn. Am schwarzen Brett macht eine Karin darauf aufmerksam, dass die Pflanzen in der Mensa dringend umgetopft gehören. Allein, ihr Rücken mache das Solo nicht mit. “Hast Du gehört?”, fragt eine Lehrerin ihre Kollegin, während ich meine Autorenohren spitze, “gestern auf der Personalversammlung wurde uns befohlen, das nächste Schuljahr gefälligst enthusiastisch zu sein.” Ein herrliches Kommando. “Sei enthusiastisch!”, fast so gut wie “Sei spontan!” Dabei gibt es nichts zu meckern für mich. Auch am zweiten Tag ist die Klasse 9.3 so aufmerksam und interessiert wie am ersten. Sie stellen Fragen, während ich den Aufbau echter Verlage erkläre und lesen die Fortsetzungen vor, die sie zum Gegenteil von oben geschrieben haben. Originelle Fortführungen der Handlung, die genauso denkbar gewesen wären wie der tatsächliche Plot. Etwa, dass Dennis’ Mutter eines Tages ihren Arbeitskollegen Falke als neuen Freund mit nach Hause bringt nur deshalb immer über ihn geschimpft hat, weil er ihre Liebe bislang nicht erwiderte. Oder auch, dass ein Mann ihr neuer Lebenspartner wird, den sie für grundgut hält und der in Wirklichkeit ein Schläger und Neonazi ist, was nur Dennis bemerkt und sie ihm nicht glaubt. Keimzellen für große Dramen entstanden in den Köpfen der Schülerinnen und Schüler und erste Erkenntnisse aus meinem Kurs wurden sofort umgesetzt. So klingen und riechen die kleinen Abschnitte, sie erzeugen Kopfkino, und dort, wo sie nur behaupten statt zu erzählen, kann ich erneut illustrieren, warum Schreiben Inszenieren bedeutet und nicht Berichten.

“Albern”, sagt eine Lehrerin nach meinem Kurs im Lehrerzimmer und meint moderne Phänomene, mit denen sie sich konfrontiert sieht, seit sie hier unterrichtet statt an der Schule im sozialen Brennpunkt. Hier, in der Schule des Umweltschutzes, der Courage und des höflichen Umgangs miteinander, gebe es zum Beispiel nur wenige Männer und gerade die, die privat Single seien und nach Feierabend nicht noch Kinder, Katzen, Haus, Hof und Gatten zu versorgen hätten, stöhnen am lautesten auf, wenn sie vor der Liste der Vertretungsstunden stehen und ungeplant eine Stunde länger bleiben sollen. “Nicht schon wieder”, seufzen sie dann, erzählt die Lehrerin und macht die Gesten der Kollegen nach, die Arme verschränkt und den Rücken im karierten Hemd mit Spültuchfarben ins Hohlkreuz gelehnt stehen sie vor dem Dienstplan, als müssten sie in Chile zur Rettung verschollener Bergarbeiter in einen Stollen kriechen. Wahrscheinlich war es einer von ihnen, der das laminierte A4-Blatt über die Spülmaschine gehängt hat: “Geschirr schimmelt nicht, wenn Mann es einfriert”, das “Mann” tatsächlich als “Mann” geschrieben. Es mag auch eine desillusionierte Kollegin gewesen sein.

Tisch beim Sportplatz des TSV Adendorf 1923

"Schule, auf den Kopf gestellt" - Unfreiwillige Installation am Sportplatz gegenüber

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