Tourtagebuch Reloaded – 7.12.2006 München, Vereinsheim

Dieser zwei Tage-Trip nach München und Berlin ist eine Reise der langen Wege. Sie beginnt auf einem zugigen Bahnsteig in Werne, auf dem am frühen Morgen Studenten, kaufmännische Angestellte und Streuner herumstehen und auf die Regionalbahn Richtung Dortmund warten. Ein Mann im Mantel gibt sich als Geschäftsmann aus und spricht Dinge wie “Das ist nicht unser Problem, wenn er nicht liefern kann” oder “Das sehe ich mir nachher an” ins Telefon, die lächerlich wirken, da ein so bedeutender Entscheidungsträger, wie er einer sein will, nicht morgens 2. Klasse mit dem RB fährt. Am geilsten ist, dass er das Gespräch ernsthaft mit den Worten “Die Message ist rübergekommen”, beendet. Wenn jemals Anglizismen verboten werten sollten, dann im Mund von biederen Kleinvorgesetzten, die sich am Bahnhof Werne als moderne Manager ausgeben. Von Dortmund nach München sind es lange, sehr lange Stunden im ICE, die ich lesend und schreibend im BordBistro verbringe und einen Kaffee auf 500 Kilometer strecke, durch mein konzentriertes Schreiben Autorität vortäuschend. Katzenhaare hängen wie Federn an meinem Pulli, das relativiert die Autorität wieder. In München angekommen, brauche ich vom frühen Nachmittag bis zum Frühabend, um allein den Bahnsteig hinter mich zu bringen, so lang ist er. Ich sehe Menschheitsepochen und mehrere Fünf-Akter an mir vorbeiziehen, mehrere Kinder werden gezeugt und großgezogen, bevor ich überhaupt in der U-Bahn ankomme. Deren Rolltreppe ist am Ziel wiederum so steil, dass einigen Fahrgästen bei der Ankunft an der Erdoberfläche der Münchener Freiheit vor lauter Druckausgleich die Ohren platzen.

Das Vereinsheim ist ein Teil der Lach- und Schießgesellschaft und eine Nebenkneipe des Lustspielhauses; gegründet zur WM 2006 und jetzt zur Bar für Kabarett und Literatur ausgebaut. Der Songwriter Kevin Basler ist bei der Lesung als Gast da und hat seinen halben Freundeskreis mitgebracht; ich habe letztes Jahr mit ihm gemeinsam das Orange House gerockt und jetzt rettet er mich, denn das Publikum in München ist spärlich und zurückhaltend. Beim “Small Talk” aus dem Ruhrpott allerdings lachen sie und auch die “Kugelschreiber” finden hier Freunde, Peter Maffay allerdings pufft ein wenig ins Leere. Da der Buchhandel keinen Bock hatte, verteile ich heute nur Marmelade, das kann auch kein Autor sonst von sich sagen. Die Nacht haue ich mir mit Spazieren und einer Internet-Lounge halb um die Ohren, dann krieche ich doch noch in die über dem Lustspielhaus gelegene Künstlerwohnung. In der kargen, von großen Heizungen und surrenden Geräten bevölkerten Wohnung, suchen zwei Ameisen den Weg von Bad zu Küche und verlaufen sich ständig zwischen den Beistellcouchen. Ich beobachte sie, ohne zu helfen und falle zur blauesten Stunde ins Bett.

This entry was posted in Tourtagebuch 2006 and tagged , . Bookmark the permalink.

Comments are closed.