Tourtagebuch Reloaded – 8.12.2006 Berlin, Roter Salon

Die Fahrt von München nach Berlin dauert noch länger als die von Werne in die bayrische Hauptstadt. Der ICE passiert Augsburg, Saalfeld und zahlreiche weitere Orte, die ich vergesse, er durchquert die komplette ehemalige DDR, und kaum, dass er in Leipzig angekommen ist, tauchen die ersten Nazis im Zug und auf dem Bahnsteig auf. Erst kommen die gigantischsten jemals an Bahnlinien gesichteten Bauruinen, dann kommen die Nazis. Es ist tragisch in seiner Berechenbarkeit. Ich lese einen kompletten Roman, schreibe zwei weitere, konzipiere die Drehbücher zu mehreren amerikanischen Serien, übersetze den Hamlet ins Altisländische und scheitere an zwei Sudokus, als wir gerade mal Berlin am Horizont erkennen. Im Hauptbahnhof verirre ich mich ein paar Stunden auf den verschiedenen Etagen, die mehrstufige Stadtwelt von “The Fifth Element” finde ich übersichtlicher. Auf einer der mittleren Ebenenen finde ich meine S-Bahn, helfe aber erst mal einigen Pensionären, die zitternd und verwirrt vor den Ticketautomaten stehen und die Tastenkombinationen und persönlichen Befragungen durch die Maschinen nicht bewältigen können.
Ich lese im Roten Salon der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, aber die Veranstalter haben mich in das Stammhotel des DJs gebucht, der nach mir auflegt. Dieses Hotel ist in Weißensee, an der Rennbahnstraße! Für Nicht-Berliner: Das ist vom Rosa-Luxemburg-Platz in etwa so weit weg wie Düsseldorf von Köln und mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur über die obskursten Linien zu erreichen. Auf dem Hinweg steige ich etwas zu früh aus einer Tram und muss erst mal wieder einige Meilen laufen, es nimmt einfach kein Ende, sie hetzen mich.
Die Lesung ist gestrafft, da es um halb zehn losgeht und um elf fertig sein muss, gute Freunde aus Berlin sind da, das Publikum ist so reserviert, dass ich fast eine Stunde benötige, um es halbwegs zu knacken. Das ist immer so, die Berliner können sich köstlich amüsieren und man hört nur ein leises, feines Gibbeln, wo im Ruhrpott die Menschen schon grölend unter den Tischen liegen und mit Bierflaschen schmeißen. Nebenan im großen Saal spielen Kante. Kaum, dass ich fertig bin, legt DJ Christian Vorbau seine Platten auf, es sind wirklich Platten, lauter Vinyl-Singles, was ich nur loben kann, auch wenn ich wegen ihm in einem Hotel wohne, das ich nachts nur noch mit dem Taxi erreichen kann. Wir gehen noch zu dritt zu einem abgeklärten Literaturbetriebs-Männer-Absacker in einer kleinen Bar, wo Rumänen ihren lauten Folk spielen und nicht so viele Touristen sind, dann rufe ich mir ein Taxi. Bis wir am Hotel sind, sprechen der Fahrer und ich schon über die Lebensgeschichten unserer Cousins, denn mit unseren eigenen und der aller Eltern und Geschwister sind wir bereits bis ins Detail durch. Lange, sehr lange Wege…

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