Tourtagebuch Reloaded – 19.01.2007 Nordhorn, Scheune

Der Orkan Kyrill nagelte mich am Abend zuvor in Hamburg fest, wo ich nach einem GALORE-Interview mit Rocko Schamoni gerade noch rechtzeitig mitbekam, dass der gesamte Bahnverkehr eingestellt wurde. Die zentrale Hotelzimmerverteilungsstelle im Tourismusbüro des Bahnhofs teilte mich dem Hotel Kronprinz zu, das direkt hinter dem Bahnhof liegt. Gerissene Tapete, ein winziger Fernseher auf einem schüchternen Brett, ein Blutfleck auf der Bettwäsche und eine Atmosphäre zwischen “Shining” und “Resident Evil” – kurzum: die angemessene Unterkunft für eine Nacht im Orkan. Am nächsten Morgen fuhren die Züge wieder und die Menschen nahmen nahtlos ihr Geschäft wieder auf. Telefonieren, viel zu laut reden und im überfüllten IC-Bistro ständig sagen: “So seh ich datt, ich weiß, datt datt viele stört, aber so seh ich datt. Datt is meine Meinung!”

Sieben Stunden und einen beruhigenden Zwischenstopp bei meinen Liebsten daheim später sitze ich im Renault Richtung Nordhorn, einem Ort, der sich wie ein Kap anhört und wie Provinz anfühlt. Und Provinz ist super, warum, könnt ihr bald im GALORE-Interview mit Rocko nachlesen. Ein Grund jedenfalls: Provinz schert sich nicht um Hippness, und Provinz ist dankbar. Das Jugendzentrum Scheune und ich haben synchron Pressearbeit gemacht und alles belästigt, was in der Grafschaft eine Tastatur hat und die darauf folgende Vorberichterstattung trägt Früchte in einem Publikum, das einen mich euphorisierenden Spaß an der Hui! Welt hat. Ganz, ganz groß! Echte Fans. So was ist besonders. Auch der Veranstalter ist mit mächtig Herz bei der Sache und steht einem Laden vor, in dessen Fachwerkdachbackstage lauter Konzertfotos aus guten alten Crossover-Tagen hängen. Biohazard waren hier, Thumb, Crosscut und die Guano Apes, bald kommen Ektomorf. Das ist ein Geschmack, der dem feinen Engländer die Knöpfe aus dem Post-Wave-Jackett hustet und der mich grinsen lässt. Ich liebe die Dinge, die mittlerweile so weit draußen sind. Rufe Jochen an, um ihm davon zu erzählen. Jochen jubelt auch.

Nach dem Auftritt will ich mein süß verdientes Geld zur Bank bringen, aber die Banken in Nordhorn kennen keine Automateneinzahlung. Also hole ich mir schnell noch eine Pizza für die Rückfahrt, da ich nach Lesungen immer einen Fressflash kriege. In der Pizzeria sitzt eine Jugendgang und rasselt mit den Ketten; sie stieren bei meiner Bestellung in meinen Nacken und suchen sich bereits ein schönes Stück zum Rausschneiden aus, dass sie sich holen werden, sobald ich den Laden verlasse. Ich bekomme meine Pizza und laufe zügig und in Schlangenlinien zum Auto, als ich Schritte hinter mir höre. Acht bis zehn Füße, die Jugend von heute, sie wird mich zerschneiden. Ich sehe rechts von mir eine Haustür bloß angeglehnt und lasse mich abrupt mitsamt Pizza in den Flur fallen. Zwischen Gratiszeitungen und Poco-Prospekten eingepfercht, trete ich die Tür hinter mir zu, auf dass die Jugendarme nicht nach mir greifen können. Niemand greift, die Schritte ziehen vorbei. Als ich leise den Kopf aus dem fremden Treppenhaus stecke, sehe ich, dass die Verfolger bloß Kegler waren, die über Stoibers Rücktritt reden. Eine erboste Mieterin fegt mich aus dem Hausflur, die Pizza hinterher. Von der Jugend ist nichts zu sehen.

This entry was posted in Tourtagebuch 2007 and tagged , . Bookmark the permalink.

Comments are closed.