Tourtagebuch Reloaded – 23.01.2007 Bochum, Kulturcafé der Ruhr-Uni

Das Kulturcafé der Ruhr-Uni. Hier fing alles an. Hier kaufte ich meine erste anarchistische Zeitung, hier organisierten wir mit Salad Bowl ein Benefiz-Rockfestival für das Obdachlosenmagazin BODO und hier veranstalte ich von 2001-2003 selber Lesungen mit der Gruppe Treibgut. Damals war ich noch ein “kleiner Autor”, wie wir alle, und absolut D.I.Y. nächtelang Plakate kleben, selber die Presse anbetteln, Autoren einladen, von ihnen lernen. Sven Amtsberg, Michael Weins und Thorsten Passfeld vom Hamburger Macht e.V. haben hier gelesen, Linus Volkmann, Frank Goosen, Tom Tonk und zahllose Newcomer, denen wir eine offene Bühne boten. Voll war es, als Thees Uhlmann kommen sollte und ihm einen Abend vorher einfiel, dass er mit Tomte in Österreich ist. Der Chef des Cafés war immer grummelig und behandelte seine Künstler wie lästige Belagerer; nebenan roch der AStA-Flur nach Linoleum und dem herrlich stoischen Sisyphoskampf gegen den Kapitalismus.

2007 hat mich der AStA ganz offiziell eingeladen, doch am Ort hat sich nichts geändert. Gar nichts. Der AStA-Flur umarmt mich immer noch mit dem chaotischen Revoluzzer-Charme, Dominik von der Alternativen Liste erzählt mir rauchend vom aktuellen Stand der Uni-Besetzung, in Regalständern werden Magazine wie Diskus oder Lotta feilgeboten. Ich muss mich dazu zwingen, beim Aufbau nicht selbst mit anzupacken; ich muss mich daran erinnern, dass ich heute endlich mal Gast und nicht Veranstalter bin. Ein geiles Gefühl, ein merlwürdiges Gefühl. Marcello – mein Nachmieter im Hartmut-Haus, der die Bruchbude wie alle anderen nun auch verlassen hat – führt am Laptop durch die Wohnung, die nun auch mal seine war und die zugleich Fiktion meines Buches ist. Die Bude ist unfassbar voll. Ich werde fast rot. 150 Leute? In “meinem” alten Kulturcafé? Und so viele Unbekannte, Hartmut-Fans, die genausogut in die Zeche oder in den Freibeuter gekommen wären? Dazu gute Freunde, Kollegen, die auch ein Leben als Kulturschaffende leben. Kelvin, die Musikpolizei etwa, der letzte Woche erst vor Hamburgs größter Anwaltskanzlei und danach für die Bochumer Besetzer spielte. “Wenn die Anwälte mir mit ihrer Gage mein Jungle World-Abo finanzieren, habe ich dabei kein schlechtes Gewissen”, sagt er. Patrick, Musiker bei Promet und Hutträger, der sich vorgenommen hat, fortan Deutschlands Hybrid aus Helge Schneider und Tom Waits zu sein. Simon vom Online-Label 12rec.net; alles Getriebene, die nicht Nein zum Geld sagen, aber erst mal machen, was sie machen müssen; alles andere kommt dann schon. “Immer einen machen”, nennen das die Prometen und ich mache auch, erzähle fast so viel, wie ich vorlese und genieße es irritiert und glücklich zugleich, wie sehr man ein Publikum in der Hand haben kann, wenn man es mit ihm bei aller Lacherei ernst meint. Ein super Abend. Nach der Lesung gehe ich zwar zum Parkdeck, werde aber nicht überfallen.

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