Tourtagebuch Reloaded – 24.01.2007 Dresden, Scheune

Dresden-Neustadt ist ein alternatives Paradies, eine Enklave, eine wahre Parallelgesellschaft. Das älteste Viertel der Stadt ist heute ein Viertel der Linken, der Punks, der Second-Händler und der Wiederverwerter. Im Dachboden der Scheune residiert der Verlag Voland & Quist, bei dem nahezu allen relevanten (Berliner) Untergrundliteraten, Poetry Slammer und Lesebühnen-Könner von Gruppen wie der Chaussee der Enthusiasten, LSD (Liebe statt Drogen) oder Surfpoeten ihre Bücher veröffentlichen. Das Besondere an diesem extrem sympathischen Indie-Unternehmen: den schön aufgemachten Paperbacks liegt immer eine CD dabei, weil es sich hier ja um Prosa handelt, die man hören muss. Ich bin hin und weg. Andreas “Spider” Krenzke hat in seinem absolut grandios sarkastischen Buch Im Arbeitslosenpark sogar die Idee der Dequalifikation drin; bei ihm heißt es “Rückbildung statt Fortbildung”. Wir kennen uns nicht persönlich, keiner hat vom anderen abgeschrieben, wir haben einfach (auch sonst) eine sehr ähnliche Denkweise. Das kollektive Unterbewusste…

Vor der Lesung esse ich Suppe bei den Soulfood Ladies und quatsche in einem winzigen HipHop-Spezialgeschäft mit dem Verkäufer über die 600-CD-Sammlung Indie und Rock, die er von einem Insolventen gekauft hat und die mir den Atem raubt. Fast alles in Sachen Doom, Drone, Noise… Melvins, Isis, Sunn o))), Codeine, Kathane, die ganzen Platten von Labels wie Ipecac, Southern oder Stickman. Unglaublich. Ich erzähle dem ahnungslosen Rap-Experten, dass sei alles Schmuh, kaufe die Kisten für 70 Euro an und sende eine SMS an den örtlichen Autoverleiher, damit er das Zeug mit dem Transporter nach Herbern schafft.

Während der Lesung habe ich wieder Glücksgefühle, da alles optimal ist. Riesenleinwand, ein DJ-Pult für Einspielungen und ich in bester Laune. “Die Kunst der Abschweifung” hieß ein Artikel in der Sächsischen Zeitung, der auf die Lesung einstimmte, und dem will ich doch gerecht werden. Da die Performance die erste Veranstaltung einer Reihe des “Bücherviertels Neustadt” ist (10 Buchhandlungen schmeißen zusammen), sind auch einige Händler da, die sonst eher bei Lyrikabenden sitzen und müssen sich erst mal auf Hartmuts Welt einlassen. Spätestens bei der Klagenfurt-Satire “Weinen mit Hartmut” gelingt es mir, auch sie einzufangen.

Nach der Lesung sprechen mich lauter nette Menschen an. Eine Frau hat tatsächlich in Bochum studiert, war Marxistin im, AStA und kennt die Pommesbude Seier gegenüber des Hartmuthauses. Ein VISIONS-Leser bekräftigt mich in meiner Linie, die ich dort fahre. Es ist alles so gut, dass ich mich betrinken muss. Ich gehe mit den Veranstaltern und Voland & Quist-Verlags-Helden in ein Restaurant, das mir endgültig die Schuhe auszieht: Devils Kitchen. Vegetarische Hot Dogs, Finger Food und Rock’n'Roll-Optik, dabei aber Rauchverbot. Ein Traum!!! Nachts gehe ich durch den tiefen Schnee, der in Dresden liegt, zur Bank und zahle endlich mal meine Kohle ein. Der Schnee ist sehr tief, ich versinke bis zu den Knien, recke mich der Bank entgegen wie ein Ertrinkender, und als sich die Schiebetüren öffnen, stürze ich mit dem ganzen Schneeberg in den Einzahlungsraum. In einer dunklen Ecke neben dem Kontoauszugsdrucker sitzt ein bärtiger, kleiner Mann und sagt: “Kann ich ihre Kontokarte haben? Ich will auch nur Auszüge ziehen, ich liebe das Geräusch des 9-Nadel-Druckers, wie ich alte Technik ohnehin liebe. Es gibt keine 9-Nadeldrucker mehr, nirgendwo.”
“Nicht einmal in einem versifften Getränkehandel in Leinefelde-Worbis?”, frage ich.
“Nicht einmal da”, sagt er.
Ich drucke Auszüge, er drückt sein Ohr an das Gerät und hüpft erregt auf den Pobacken herum. Mein Bargeld nehme ich wieder mit. Es lebe die Old School, es lebe die Neustadt.

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