Tourtagebuch Reloaded – 11.02.2007 Moers, Röhre

Ende der 60er war die schmale, längliche Kulturkneipe in Moers tatsächlich eine Röhre, gestaltet mit runden Zwischenwänden, ein U-Boot für Hippies. Eine Frau hat das miterlebt und zeigt sich nach dem Auftritt erstaunt, dass es immer noch Hausbesetzer und Aktivisten unter den jungen Menschen gebe, die in der Hui! Welt beschrieben und parodiert werden. Ja, die gibt es noch, erkläre ich ihr, wenn sie auch nicht mehr in der Mehrheit sind. Ähnlich erstaunt zeigte sich vor 14 Tagen eine Dozentin der Ruhr-Uni, in deren Seminar ich als Gast und Wortguru aus Voll beschäftigt las. Dabei muss sie in den letzten Monaten jeden Tag an der ehemaligen Übergansmensa auf dem Campus vorbei gekommen sein, die bis vor kurzem von Studis besetzt und zur “Freien Uni” ausgerufen wurde. Übersehen konnte man das nicht, aber bei Lehrenden, die 1968 miterlebten, scheint wohl der Lila-Elefanten-Effekt einzutreten: Sie sehen das Offensichtliche nicht, wenn es direkt vor ihnen steht. Die Lesung in Moers war für mich auch eine Reise in die Vergangenheit. Ein guter Freund war dort, und der ist heute Lehrer an unserer ehemaligen Schule. Mehr als das: Er hat die Stelle übernommen, die früher meine Deutsch-LK-Lehrerin innehatte. Vor der Lesung und in den Pausen heißt es somit “Weristnochdawieistesjetztwashatsichverändert”-Talk in komprimierter Form, denn nach dem Gig müssen wir beide schnell heim.
Der Auftritt selbst macht großen Spaß. Die Leute vom Club kümmern sich kompetent und freundlich um mich; das Publikum ist unheimlich motivierend. Einige haben ein Abo für alle vier Veranstaltungen der Reihe, deren zweiter Teil ich bin. Der erste war Herbert Feuerstein. Das adelt. Direkt vor der “Bühne” sitzt ein Grüppchen älterer Herrschaften, deren Anführer wie der Bürgermeister von Stars Hollow in “Gilmore Girls” aussieht, und er hat die dreckigste, leidenschaftlichste, entfesselteste Lache, die ich je auf einer meiner Lesungen erlebt habe. Knapp hinter ihm folgt das hysterische Gegacker einiger Lokalredakteurinnen neben dem Billardtisch und dann das Gegröle der überqualifizierten Studis an der Bar. Es ist herrlich. Ich muss lachen, weil das Publikum lacht, und wir schaukeln uns hoch. “Weinen mit Hartmut” entwickelt sich trotz seiner 45 Minuten langsam zum Live-Knaller. In der Pause belausche ich, wie das Publikum über meine Darbietung spricht. “Er ist gut, aber er ist zu schnell” sagt ein Pärchen und merkt nicht, dass ich neben ihnen an der Bar stehe. Da ich meine Ohren überall habe, lese ich in der zweiten Hälfte langsamer. Mit dem Mikro aus dem Ständer stehe ich vor der Leinwand und erläutere die Hui! Regeln für das Unperfekt- und Malochersein wie ein Motivationscoach.
Nach dem Auftritt überzeugt mich allein die unmittelbare Umgebung des Clubs, wiederzukommen. Es gibt einen großen Teich voller Enten, eine Bankfiliale und ein Subway. Mit meiner Süßen telefonierend spaziere ich um den Teich, aus Altbauten tropft Licht auf die Straße herunter. Keine Autos stören mein Wandeln. So muss das sein. Der Weg hinaus aus Moers dauert 30 Minuten, da ich mich mit meinem Navigator darüber streite, was halbrechts bedeutet. Irgendwann halte ich im Niemandsland zwischen Autobahnauffahrt und Stadtrand, steige aus und mache diese schnaufenden Geräusche, mit welcher häusliche Streits zwischen Ehepaaren in die zweite, entscheidende Runde gehen. “Lass dich nicht verarschen!” sagt ein alter Mann, der auf einem Fahrrad vorbei kommt, in dessen Speichen halbe Pokerkarten klackern. “Lass nicht zu, dass die Maschine dich frisst.” Dann gurkt er weiter, sein schlohweißes Haar im Wind flatternd wie Zuckerwatte. Ich steige schnell und mit Herzklopfen in mein Auto, sehe streng den Navigator an, erfahre anstandslos den richtigen Weg und fahre nach Hause.

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