Tourtagebuch Reloaded – 16.03.2007 Wiesbaden, Kulturpalast

Ich sitze neben einem brummenden Kühlschrank im Foyer des Town Hotels und komme gerade von meinem Auftritt im Kulturpalast. Hinter der Scheibe winden sich Marsriegel und Spritedosen im gleichförmigen Surren. Der Hinweg war mühsam, Spießrutenlaufen am Hauptbahnhof durch Drückerkolonnen der Fitness Company und der Malteser. Ein verrückter farbiger Mann wie aus einem apokalyptischen US-Film mit großem “Jesus lebt”-Schild und alter Bibel, Flecken im Gesicht und manischen Augen. Die Lektüre von Matthias Horx’ neuer Optimismusfiebel, die eine Menge Wahres über die Angst- und Alarmkultur unserer Gesellschaft sagt, mir aber Kopfschmerzen macht, weil sie eine Menge anderes Wahres ignorieren muss, wenn auch auf einer anderen Ebene. Würde ich versuchen, all die Gedanken, die sowas in mir auslöst, nachts neben einem brummenden Brutkasten für Sprite in MySpace zu tippen, würde der Space nicht ausreichen. Im Kulturpalast liegen dagegen Anti-G8-Gipfel-Zeitungen aus. Horx würde ihnen den Kopf tätscheln, sie würden seinen mit Farbbeuteln beschmeißen, ich will einen Schiedsrichterstuhl vom Tennis, so einen alten, von Wimbledon 1986. Nicht 68. Hochsitze von Jägern dürfen übrigens immer nur aus Holz sein, da Nichtholz Geräusche macht, die Waldbewohner verwirren.

Die Lesung ist, sagen wir, intim. Ich kann sehr individuell auf Wünsche eingehen und mache das auch, die von den Drückerkolonnen geplagten Besucher bekommen “Klemmbretter” als Anti-Promoter-Training für die Fußgängerzonen und meine allseits beliebten Gesangsparodien auf Pur, Peter Maffay und die Böhsen Onkelz. Zwischendrin erläutere ich, warum in Bayern alles so schön sauber ist und verrate die besten und abscheulichsten Phrasen aus den Untiefen der Musikindustrie. Im Gästebuch grüße ich Anajo, die morgen hier spielen, so wie man sich damals auf Schultischen Zetteln schrieb. Der Auflauf ist klasse, das Publikum auch, im Backstage stehen defekte Leichen von uralten Videospielautomaten und Flippern. Mit einem Flipper in der Kneipe darf ich wenigstens spielen. Ich habe Spaß, gehe aber früh ins Hotel und bewerfe den Flachbildfernseher an der Wand mit meinen Schuhen, als die Hackfressen von Guido Cantz und anderen Neutren schon wieder eine Jury bilden, die irgendwelche talentfreien Deppen in einer Billigkopie des Radikal-Poetry-Slam bei grölendem Publikum ausgongen dürfen, am großen Gong ausgerechnet Bürger Lars Dietrich, der längst selbst ausgegongt gehört. Auf NDR kommen nach Mitternacht die “3 nach 9 Classics”, das beruhigt mich. So viel zu meinem Kulturkapital. Manchmal bin ich sehr sehr müde.

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