Tourtagebuch Reloaded – 23.03.2007 Kassel, Buchhandlung Bräutigam

Eine große Reise im kleinen Renault. Messewochenende in Leipzig mit Stippvisite in Kassel einen Abend zuvor. Als GALORE-Redakteur werde ich morgen und Sonntag auf einer Couch vor bis zu 300 Menschen Prominente interviewen, die Kollegen sind schon vor Ort und bringen den ersten Showtag hinter sich, während ich noch auf dem Weg nach Kassel im Auto sitze und aus einem kleinen blauen Korb CDs “abhöre”. So nennen wir das im Musikjournalismus, “abhören”. Sprich: Das Ohr reinhalten, kennen lernen, abschätzen, was das überhaupt ist, was es taugt oder welche Note man ihm geben möchte, abhängig davon, ob es sich um Platten aus dem “Soundcheck” bei VISIONS handelt, um neue reguläre Erscheinungen, zu denen noch keiner eine Meinung hat, oder um Demos. Die Sonne scheint und ich mag dieses Abarbeiten, ich mag ohnehin solche Reisen aus dem einen entscheidenden Grund, dass alles auf begrenzte Räume und Zeiten zusammenschnurrt. Jetzt und hier: Mein Auto und 100 CDs, die Piste und Raststätten. Nachher: Lesung in der Buchhandlung Bräutigam, vorher daheim anrufen, aufbauen, die Veranstalter kennen lernen. Danach: Nachtfahrt nach Leipzig, fünf Stunden mit vielen Coffee-to-go-Stops, Einchecken ins Hotel um 3:30 Uhr morgens, Messebeginn fünf Stunden später. Das ist anstrengend, aber dennoch weniger zehrend als ganz normaler Alltag zwischen Redaktion, Anrufen, Mails, Erledigungen, Reklamationen, Prozessen, Rechnungen und Nachbarn. Nur ich und mein Auto, nur ich und mein Hotelzimmer, nur ich und wenige Aufgaben, die aber richtig.

Die Lesung in Kassel ist so überraschend exzellent wie eine kleine, liebevolle Indierockplatte, die man überhaupt nicht auf dem Zettel hatte und die plötzlich die Seele mit Echtholz zum wohlfühlen auskleidet. Der Grund ist die Buchhandlung selbst und ihr Besitzer Gerrit, mit dem ich mich sofort gut verstehe, als er mir unten im Keller einen Nachlassaufkauf von 44 Bücherkisten zeigt, den ich sofort mit ihm gemeinsam sortieren und auswerten könnte wie die 100 CDs in meinem Autokorb. Bert Brecht fand er darin, eine Gesamtausgabe in Leder, der Nachlass gehört einem alten Gewerkschaftschef. Die Ausgabe steht schon in den Regalen, die Gerrit in den Hinterraum gebaut hat, den er bald für seine Kundschaft zum Lesen eröffnen wird. Kurzum: Der Mann ist auf seinen paar Quadratmetern ein Buchhändler mit Leib und Seele. Da fühlt man sich wohl. Das Publikum bekommt Sekt und Wein zu kleinen Preisen, die Bude ist schnell rappelvoll und eine herrlich gemischte Gruppe aus Studenten, Stammkunden, Komödienfreunden, nachdenklichen Graumelierten und skeptisch begeisterten Alt-68ern lässt sich von Hartmut und seinen Freunden sowie meinen kernigen biografischen Anekdoten schnell umgarnen. Ich kann ohne Mikro (aber leider auch ohne Leinwand) lesen, man ist unter sich und trotzdem vor Publikum, es hat Aura und gepflegte Gemütlichkeit, es wird nicht geraucht – mann, fühle ich mich wohl!

Nach dem Auftritt rufe ich meine Süße an und erzähle ihr auf dem Hinterhof begeistert von der Lesung, bis mich Gerrit, seine Frau, mein Booking-Agent und der Alt-68er wieder in die Bude vor die Brechtregale ziehen und noch ein wenig mit dem Rest der Belegschaft plaudern wollen. Meine bevorstehende Nachtfahrt nötigt allen Respekt bis Mitleid ab, so dass ich mich schnell abseilen kann und auf dem Hof den Wagen packe. Die Nacht wartet still auf mich und auf einem Balkon über einem dunklen Steakrestaurant macht ein Mann im Unterhemd langsame, zerdehnte Kung Fu-Bewegungen, bevor er einen Kuss mit einer Unsichtbaren simuliert, sich unter den Achseln kratzt und dann für ein paar Sekunden genau zu mir herübersieht. Es ist, als stünden seine Augäpfel direkt vor mir an der Kofferraumklappe in der Luft wie verstummte Varianten der Augen Jim Carreys in “Die Maske”, ich bekomme ein Ohrensausen und stehe gelähmt, dann fällt die defekte Kofferraumklappe zu und mir auf den Schädel. Die Augen surren zurück, ich fluche, auf dem Balkon steht niemand mehr. Beste Voraussetzungen für eine Fahrt durch die Nacht. Nach Leipzig.

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