Tourtagebuch Reloaded – 24.-25.03.2007 Leipzig, Buchmesse

Ich liebe Nachtfahrten. Das war schon als Kind so. Unterwegs zu sein, während die meisten anderen schlafen, hatte immer etwas Verwegenes, einen Hauch von Ausnahmezustand und Auserwähltheit. Auf der Rückbank des elterlichen Wagens stellte ich mir vor, ein Trucker zu sein, der gar nicht anders kann, als die Nächte durchzufahren. Oder ein Ausreißer, der einen Wagen voller Geld unter dem Fahrersitz hatte und einfach so in die Welt hinausfuhr. Als erwachsener Journalist auf Berufsfahrt zur Messe hat dieses Gefühl nicht nachgelassen und wird nur etwas durch physische Erschöpfung gedämpft, der ich mit vielen Stopps beikomme, auf denen von mir das heilige Ritual “Auf Klo gehen – Wasser ins Gesicht machen – Kaffee kaufen – mit Kaffee auf Raststätte spazieren gehen” durchgeführt wird. Ich gebe zu, dass ich – sind dabei andere anwesend – sehr gerne beim Wasser ins Gesicht machen – laut stöhne, um den Grad meiner Erschöpfung zu zeigen. Auch Augenreiben, seufzen und in den Nacken greifen verwende ich gerne, um zu demonstrieren, dass ich zur Gesellschaft der Nacht dazugehöre und das Schicksal der Trucker teile.
Das ist natürlich hanebüchener Unsinn, weshalb mich an der ostdeutschen Raststätte Heiligenhaus im Schatten eines alten, geschlossenen Hotels und gruseliger Schneereste neben dem gelb-grellen Agip-Verkaufsraum auch ein grobschlächtiger LKW-Fahrer an den Schultern packt, mich mit dem Arsch auf ein altes, seit Honeckertagen dort an der Außenwand hängendes Waschbecken setzt, mich mit dem Rücken gegen den Hahn presst und sagt: “Du sollst nicht posen.”
Er drückt den Satz durch einen schwarzen, buschigen Nietzsche-Schnauzer und spricht erst nach ein paar Sekunden weiter, während er mich weiter gegen den Hahn drückt. Mein Hirn kommt nicht schnell genug nach, um zu begreifen, dass das gerade passiert und um sich zu entschließen, ob der Mann dazu eine Berechtigung hat. “Du weißt nicht, was es bedeutet, mit drei Kindern und einer Frau daheim Fahrpläne einzuhalten, wenn dir dabei noch Frachtfehler und Polizei das Leben schwer machen. Du gurkst hier mit deinem Presseausweis herum und machst auf gestresst. Ich könnte”, und jetzt schaut er beiläufig nach links und rechts und macht Robert de Niro-Augen, “ich könnte ausrasten.” Ich frage mich schon, ob mein Leben wirklich auf dem alten Außenwaschbecken einer halb verfallenen Ostratstätte enden soll, als aus dem deNiro-Bedrohungsblick das deNiro-Lachen wird und er mich loslässt. Er lacht: “Los, fahr schon zu deinen Leuten.” Ich steige von dem Becken, gehe zaghaft zu meinem Auto, sehe mich um und sehe, wie er unter dem Agip-Neonlicht steht und wartet, bis ich fahre.

Als ich um 3:35 Uhr im Seaside Park Hotel einchecke, danke ich Gott für die heile Ankunft und meinem Buchverlag S. Fischer für dieses Zimmer, das er spendiert, weil er auch die Schriftsteller aushält, die auf der Messe gar kein neues Produkt bestellen, sondern wie ich für ein Magazin Interviews führen. Das Zimmer hat schwarze marmorierte Kacheln im Bad, eine Wanne und ausladend viel Platz; ich erlaube mir, den polnischen deNiro zu vergessen und dieses Privileg zu genießen, und lege mich schlafen.

Wenige Stunden später – offiziell ist es der nächste Morgen – stiefele ich um 9 Uhr ins Messegelände. Die Hallen sind schon offen, aber die Stände sind verwaist. Am Ende von Halle 3 finde ich unser Café als Eckstand, schön groß, zwei Ledercouchen mit Mikros vor einer halbrunden Wandverkleidung, ein kleines Mischpult, an dem ein Student namens Sebastian neben kleinen Wasserfläschchen für den Sound sorgen wird. Er ist schon da, wir plaudern, ein paar versprengte Putzkräfte oder Betreiber christlicher Kleinverlage stromern durch die Gänge. Ich bereite meine Interviews vor, prüfe ein letztes Mal meine Notizen. Ja, ich bin nervös. Dafür, dass ich die kommenden Tage meinen Standausweis offen an mir herumbaumeln lasse, zeichnet nicht der arrogante Sack in mir verantwortlich, sondern der kleine Autobahnraststättenjunge, der Spaß am Posen hat, an der Zugehörigkeit zu einer Schicksalsgemeinschaft, zu einer Gruppe X.
Unser Schicksal ab 11:15 Uhr: in nur 20 Minuten Sprechzeit das möglichst Beste und Unterhaltsamste aus den Autoren herausholen, die auf unserer Couch Platz genommen haben. 10 Tage lang haben wir in den Büchern dieser Menschen gelesen, zentnerweise Text auf seine Essenzen und besten Pointen hin auseinander genommen. Und: Es hat sich gelohnt! Marianne Sägebrecht zeigt sich nach dem ersten Gespräch des Samstags gerührt. Endlich einmal hätten Journalisten sich gut vorbereitet sagt sie und das, als die Mikros aus sind und auf eine Art und Weise, die uns als halbwegs erfahrene Medienmenschen erkennen lässt: Das meint die so. Helen Schneider macht mit uns einen souveränen Job, Wigald Boning und Funny van Dannen sind als jeweils letzte Gäste des Tages gleich mehrfach Selbstgänger. Zum einen, weil man ihnen nur einen Happen hinwerfen muss, um sogleich in rhetorisches Ping Pong zu starten, zum anderen, weil sie eben die jeweils letzten Gäste des Tages sind und auf der Welle unserer abschwellenden Nervosität und Anstrengung surfen können. Die ist auch nötig, um bei einem ebenso interessanten wie distanzierten Moralisten und Erziehungsratgeber wie Rufus Beck, einem äthiopischen Prinzen wie Asfa-Wossen Asferate oder einer Respektsperson wie Ralph Giordano Gespräche hinzukriegen, welche das in Massen angesammelte Publikum zu Szenenapplaus und/oder atemlosen Schweigen animieren. Das alles ohne Druck unsererseits. Man muss einfach nur gut lesen und Schlüsselstellen aktivieren, dann erzählen sie. Man muss sich darauf einlassen. Ralph Giordano beeindruckt mich an dem Tag ganz besonders, auch, weil er als “gottloser Humanist” einer der fundamentalistischen Christinnen, die auf der Messe herumlaufen und jedem 2. Verlag Verspottung des Herrn vorwerfen, in Seelenruhe 20 Minuten lang die reaktionären Synapsen neu verdrahtet.

Ohnehin ist die Leipziger Messe abseits der beruflichen Verpflichtungen eine skurille Schau der Selbstausstellung. Junge Menschen laufen in Massen perfekt verkleidet als japanische Mangafiguren herum, in einer für westlich unerfahrene Augen surrealen Ästhetik. Geisha-Roben, Schulmädchenuniformen, Röckchen und Springerstiefel, blaue Alienhaut und künstliche Ohren, komplett abgefahrene Kostüme aus Lack und Latex, aber auch ganze Familien mit Kindern, deren Eltern schwarzes Make-Up und T-Shirts von Clan Of Xymox oder Dark Centuries tragen: Mein ehemaliger Lektor und “Entdecker” ist schockiert und fürchtet um seine Teenie-Tochter. Meine Beruhigung, dass sie statt in der Manga- und Phantasy-Szene auch in der Hardcore-Musik landen könnte, wo Menschen heutzutage über ausgeklügelte Katapult-Moves in die Arme der Security geschleudert werden, falls sie nicht vorher zwischen den “Windmühlen”-Armen der Violent Dancer zermalmt werden, beruhigt ihn wenig.

Zeit für eigene Erkundungen bleibt kaum. Mit Kennerblick schlendere ich durch die Hallen und weiß die verbrecherischen Klein- und Zuschussverlage von den seriösen Indies zu unterscheiden, die im Bereich “Junge Verlage” um eine Live-Leseinsel herumstehen wie bluNoise, Fat Wreck, Grand Hotel van Cleef, Sub Pop, Tapete oder Strangeways es tun würden, würden hier Platten statt Bücher angeboten. Am Stand des Ventil-Verlages treffe ich Jan Off, dessen letztes Buch ich in VISIONS mit einer freundlichen Rezension bedient und zur schnellen Einordnung für den Leser mit dem Etikett ‘Social Beat’ versehen habe. Ich gebe zu, dass mir entgangen ist, dass Off bis vor zwei Jahren in Wort und Tat für die Dekonstruktion dieses Begriffes gekämpft hat, was ihn dazu veranlasst, sich bei mir zu beschweren. Er ist riesengroß, seine Stimme so tief und männlich und sein Mund so breit, dass schon sein empörtes Einatmen genügt, auf dass ich wie ein Schnauzer unter seiner Nase klebe. Er kriegt einen Anfall und rennt mit dem zappelnden und kreischenden Uschmann-Schnauzer unter der Nase einmal über die Messe. Ein Bild, dass zahlreiche Besucher der Großverlage kollabieren lässt, in der Parallelwelt der Manga- und Comic-Halle allerdings als vollkommen erwartbares Geschehen nahezu ignoriert wird. Nachdem Jan Off mich auf dem Parkplatz ausgeatmet hat, suche ich zwei Stunden lang meinen Renault, bis ein kleiner Junge mit Schlitzaugen, der mir gerade bis zu den Knien reicht und in die Luft gezeichnet schimmert, mir seine Hand reicht und mich zum Auto führt.

Die Rückfahrt lässt mich den CD-Korb weniger schnell leer hören, aber die Riesenfritten auf einem Rasthof bei Hannover schmecken super. Während ich sie esse, schreibe ich Tagebuch und sehe in einem Fernseher über der Kinderecke, wie mir Marianne Sägebrecht zwinkernd zuwinkt. Daheim werde ich viel zu erzählen haben.

PS: Ein Mann, der meine Begeisterung für Raststätten zu jeder Tageszeit teilt und den ich seit Jahren als bedeutenden und unterschätzten Schriftsteller schätze ist Michael Weins, der am Sonntag Morgen auf unserer Couch Platz nahm. Ende der 90er erfand dieser Mann mit einigen Kollegen von der Hamburger Vereinigung Macht e.V. das “Hamburger Dogma” der Literatur, war selbst bei Lesungen meiner ehemaligen Literaturgruppe an der Bochumer Uni zu Gast und hat mit dem Geschichtenband Feucht und dem Roman Goldener Reiter extrem relevante Bücher geschrieben. Gleiches gilt für sein neues Buch Krill beim Mairisch-Verlag, beste, vielschichtige Stories mit tragikkomischem Humor, lakonischer Sprache und bitterer Melancholie, aus deren Tristesse sich still und unaufdringlich Momente der Liebe und Hoffnung hervorrecken. Da Michael niemand kennt, war zu Beginn des Interviews auch niemand da, so dass wir einfach anfingen, uns wie alte Freunde über das neue Buch zu unterhalten – verstärkt über die Mikros. Kaum später waren die Tische im Café GALORE besetzt. Qualität setzt sich eben doch durch…

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