Tourtagebuch – 07.01.2013 Osterode am Harz, Kreisvolkshochschule

Ich stehe auf der Bühne des Filmsaals der Kreisvolkshochschule Osterode und trage meine Arbeitsklamotten aus der heimischen Garage. Die dreckige Gartenhose. Das schmuddelige Sweatshirt. In meiner Hand halte ich die Bohrmaschine meines Großvaters. Dübel liegen auf der Fensterbank, Schrauben, ein Bleistift zum Markieren des Lochs. Das Loch entsteht aber nie, denn ich schauspielere das “simulierte Arbeiten” auf einer Baustelle, wo der Mann zwanzig Minuten lang die Bohrung vorbereitet und dabei Small Talk über Fußball hält, um schließlich, bevor das Loch entstehen kann, “erst mal Pause” zu machen. Auf dem Lesetisch liegt neben Voll beschäftigt auch noch “Wandelgermanen” Wandelgermanen sowie alte, abgegriffene Ausgaben von Adorno, Deleuze und den “Weimarer Beiträgen”. Rund um den Tisch ist eine Kulisse aus Werkzeug und Bierflaschen verteilt. Ich lese zwar auch, aber ich spiele mehr, als ich jemals gespielt habe. Ich fühle mich wie ein Stand-Up-Comedian. Ich fühle mich großartig. Das Sonderprogramm heißt “De-Qualifizierung mit Oliver Uschmann”. Ich eröffne mein Tourjahr im Saal einer Volkshochschule, mit einem “Kurs”, den Hartmut vor sechs Jahren erfunden hat.

Wenn die Fiktion Wirklichkeit wird, findet das Hartmuteske seine Vollendung. Die Sonderveranstaltung im Harz findet nur statt, weil ein abgegriffenes Mängelexemplar von “Voll beschäftigt” das Team der Volkshochschule auf die Idee brachte, einen Kurs zur “De-Qualifizierung von Akademikern” zwischen “Steuererklärung mit ELSTER” und “Hundemassage” in ihr Programm zu schreiben. Die Hundemassage war kein Scherz. Die De-Qualifizierung schon. Der Sozialblog gegen-hartz.de nahm den Witz ernst und dichtete den Kurs sogar dem offiziellen Jobcenter der Stadt an. Im Büro der örtlichen Linken pochten Pulsadern. Verhohnepiepelung von Arbeitslosen, empörender Zynismus. Sorgsamere Medien wie die
Zeit Online, Stern Online oder WDR 3 begriffen den Gag (Kursstart: 1. April 2013) und korrigierten. Programmleiter Jörg Hüddersen und ich telefonierten, als die Wellen hoch schlugen und wurden uns handelseinig. Mache ich eben den Kurs. Als Show. Zur Eröffnung des Volkshochschuljahres. Und es ist herrlich. In der “Pause” ziehe ich mich um, im improvisierten “Backstage” hinter alten Spinden. Reimund Niehus verteilt derweil von mir spendierten westfälischen Schnaps im Publikum. Er ist der Mann, der letzten Sommer mit drei weiteren Freunden beim Oxfam Trailwalk als Team Wandelgermanen hundert Kilometer für den guten Zweck wanderte und dabei mit Hilfe gespendeter Hörbücher zum Roman 2055 Euro sammelte. Hundert Kilometer! In knallroten Trikots mit Hui-Logo. Echte Wandelgermanen, wohnhaft in einem Harzer Dorf und heute Abend hier, den Schnaps verteilend in der Gemeinschaft. Ich sag’s ja: Wenn die Fiktion Wirklichkeit wird, findet das Hartmuteske seine Vollendung.

Ich übernachte im Gästezimmer des Chefs der Volkshochschule, der sein Haus damals selbst gebaut hat. Mit den eigenen Händen. Im Zimmer steht der Gitarrenverstärker seines Sohnes, Aufkleber von Refused und Tool darauf. Der Chef selbst spielt in einer Country- und Bluegrassband, den Los Losers. Überall im Haus hängen Zeichnungen oder Karikaturen der Rolling Stones. Der Chef hat Brot da, das so gut schmeckt, als wäre es in Gottes Erde direkt am Halm gewachsen. Vor allem nach dem Bier und dem Schnaps. Sonst schaue ich auf Hotelparkplätze, wenn ich Sylvia anrufe und vom Erfolg des Abends berichte. Jetzt schaue ich auf Mick Jagger und eine alte Gitarre. So kann das Jahr beginnen.

Das Team Wandelgermanen und ich (ganz links Reimund Niehus)

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