Tourtagebuch – 10.01.2013 Bochum, Biercafé

Heute trage ich eine große Verantwortung. Ich bin Gast in einer Pilotsendung, die nur fortgesetzt wird, wenn die Macherinnen und Macher Sponsoren finden. Mein Partner bei diesem Talk ist die Fußball-Legende Michael “Ata” Lameck, 518 Einsätze für den Vfl Bochum, die neuntmeisten Spiele aller Bundesligaprofis. Die Talkshow heißt Neulich im Biercafé und findet in der gleichnamigen, winzigen Kneipe gegenüber des Bochumer Schauspielhauses statt, einer Bar, die so klein ist wie der Schellfischposten aus “Inas Nacht”. Bands treten hier auf und Songwriter, Kleinkünstler und Autoren. Tresenchef Bolle greift gerne zur Gitarre, um Irish Folk zum Besten zu geben, für einige Gäste des gut besuchten Abends ist er der eigentliche Star der Show, der Mann ist Kult in der Stadt. Als er in den Talkpausen die rustikalen, melancholischen Klassiker zum Besten gibt, klingt seine Singstimme so kolossal anders als seine Sprechstimme, dass es mich zu einer Frage an Ata Lameck verleitet, obwohl ich selbst gar nicht der Moderator bin. Ich will wissen, ob besonders harte Fußballspieler wie etwa Bernd Hollerbach (in seiner Zeit beim Hamburger SV auch die “Holleraxt” genannt) in dem Moment, wo sie den Platz betreten, ihre Persönlichkeit verändern wie Bolle seine Stimme beim Singen. Ata antwortet diplomatisch. Sobald abgepfiffen ist, seien sie alle Freunde und Berufskollegen, die Feindschaften zwischen Clubs würden zu hoch gehängt. Auch den vom Moderator auf den Tisch gebrachten, von der Presse künstlich erzeugten Kontrast zwischen Trainern der alten Schule und einem Jogi Löw, der Werbung für Nivea mache, kommentiert “Ata” auf wunderbare Weise: “Also ich schwöre ja auf Bebe-Creme. Könnt ihr alle nachgucken, ich habe sie hinten im Auto liegen.”
Der für mich schönste Moment des sehr unterhaltsamen Abends (an dem der Fußballer und ich noch im Jahreszahlen-Raten und Musik-rückwärts-Erkennen antreten und Lameck als Ur-Bochumer das erste Mal was von Hartmut hört), fand allerdings vor Anpfiff der Aufzeichnung statt. Ich stand mit dem unfassbar erfahrenen Sportler im engen Eingang der winzigen Kneipe und fragte ihn nach etwas, was meine Frau wie meine nicht an Fußball interessierten Freunde immer schon behauptet haben: “Sag Mal, Ata, die ganze Strategie, die Theorie, die Spieltag-Analyse in Sport1, bei der wissenschaftlich erklärt wird, warum Spiele verloren gehen … wenn man als Spieler auf dem Platz steht, ist das doch alles hinfällig, oder?” Michael “Ata” Lameck brauchte keine Sekunde, um auf diese Frage hin zu nicken. Das meiste auf dem Platz bleibt Intuition. Man sieht es oder man sieht es nicht. Und: “Die schönsten Modelle fallen in sich zusammen, wenn der Gegner sie nicht mitspielt.” Wir beide jedenfalls waren an diesem Abend, denke ich, ein gutes Team. Die Pilotfolge scheint sich jedenfalls gelohnt zu haben, denn die zweite steht an. Chapeau!

(c) Neulich im Biercafé

"Ata" und ich. Im Vordergrund Tresenchef Bolle beim Irish Folk

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