Tourtagebuch – 18.01.2013 Betzdorf, Freiherr-vom-Stein-Gymnasium

Ich bin früh. Viel zu früh. Zum einen, weil ich den Termin mit der Presse, der vor meiner Lesung stattfinden soll, im Geiste fälschlich vorziehe. Zum anderen, weil ich die Strecke schon kenne. Obwohl es also friert und schneit gleite ich im Auto wie auf Schienen nach Betzdorf, dem kleinen Ort im Talkessel zwischen Westerwald und Siegerland. Als ich das letzte Mal hier auftrat, trat Karl-Theodor zu Guttenberg während meiner Lesung ab. Heute verkünden die Nachrichten auf der Hinfahrt durch die schneeverklebten Tannenwipfel, dass Finanzminister Evangelos Venizelos sich in Griechenland mit 97% in den Parteichefsessel der Sozialisten gewuchtet hat. Einen Gegenkandidaten hatte er nicht … und augenscheinlich auch keine Plagiatsjäger an den Hacken, die seine 1980 abgegebene Doktorarbeit wieder aus den staubigen Regalen der Universität Thessaloniki klauben.

Der stellvertretende Direktor des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums, Helmut Münzel, versorgt mich frühen Vogel in seinem Büro mit Kaffee, Keksen und guten Gesprächen unter zwei studierten Anglisten. Sein Boss Manfred Weber führt mich angenehm durch den Pressetermin und moderiert mich schmeichelhaft an. Hinter ihm an der Wand kleben die Romanhelden Finn, Flo und Lukas auf bunter Pappe. Darunter ist auf der gesamten Länge der Wand aus der Vogelperspektive die Route zu sehen, welche die drei Jungs bei ihrer Quest “Querfeldein” in Finn released zurücklegen – aufgemalt auf mehr als zwei Dutzend aneinander geklebte Blätter. Den zweiten Teil Finn reloaded haben die Schülerinnen und Schüler der Klasse 7sp in Form einer Kontaktanzeige an die Wand gebracht, auf der Flos Mutter Sophia einen Mann sucht. Das “sp” in “Klasse 7sp” steht für Sprache. Die Klasse liest “Finn released” und “Finn reloaded” gerade im Unterreicht und hat sogar eine Mappe erstellt, die ich mitnehmen darf. Darin: Umsetzungen der Handlung als Tagebucheinträge oder Cartoons sowie Vorstellungen der Figuren. Die übernehmen heute drei Schülerinnen sogar live, so dass ich zu den Jungs gar nicht mehr viel sagen muss und direkt loslegen kann mit meinen Auszügen aus beiden Büchern. Satz für Satz werde ich anscheinend packender und lustiger, das sehe ich an der Reaktion der 140 Schüler sowie daran, dass Rektor Weber bedeutend länger bleibt als er seiner Höflichkeitspflicht nach müsste. Er amüsiert sich prächtig und verpasst nur das Bonbon am Schluss: die erste öffentliche Lesung einer Szene aus dem gerade erst erschienenen Finn remixed, es ist die Stelle, an der die drei jungen Teenager das erste Mal Bier trinken. Ich spiele und lalle mich in Rage und die Kinder lachen so ausgelassen, als würden sie gerade das erste Mal dabei zuschauen, wie bei “Dinner For One” der Butler über den Tigerkopf stolpert. Nach der Lesung geben die Siebtklässler den jungen Menschen aus der Oberstufe den Staffelstab in die Hand. Wo Lehrerin Judith Kaiser mit den Kleinen “Finn reloaded” liest, analysiert sie mit den Großen seit geraumer Zeit “Voll beschäftigt” und die tragikomischen Implikationen des “Instituts für Dequalifikation”. Eine Fragerunde ist angesetzt, der lebendige Autor steht Rede und Antwort und ist im Stillen so dankbar wie glücklich darüber, dass allein an einer Schule zwei seiner Romane durch die Mangel des Deutschunterrichts genommen werden.

Auf der Rückfahrt mache ich kurz Halt auf einem kleinen Autobahnparkplatz. Grauweißer Schneematsch klebt auf dem Boden und Sticker von Fußball-Ultras rollen sich auf dem eiskalten Kunststoff der Mülltonnen auf. Ich öffne den Drehverschluss einer Wasserflasche sowie die Knisterfolie eines Schokoriegels und schlage noch mal die Mappe auf, welche die Klasse 7sp zu “Finn” gemacht hat. “Wichtige Wörter – besondere Sätze” heißt eine Seite. Die Kids sollten notieren, welche Äußerungen im Buch sie für bedeutsam halten. Slapstick-Sätze wie “Knoppers wächst hier nicht, also iss!” werden nur einmal genannt. Den Satz “Gott bewahre, ich liebe das Leben” nennen die Schüler alleine drei Mal. Die Nebenfigur, die ihn im Roman an den Bahnschienen äußert, haben sie außerdem richtig als den Autor erkannt, der sich mit einem Cameo-Auftritt selbst in den Plot geschrieben hat. Ich lächele. Das Radio flüstert. In Düsseldorf blasen die Plagiatsjäger zum Halali auf Annette Schavan.

(c) Judith Kaiser-Rübsamen

Signieren und Plaudern mit Schülern nach der Lesung

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