Tourtagebuch – 23.01.2013 Wiesbaden, Villa Clementine

Manchmal ist alles unwirklich. Die Städte. Die Räume. Wiesbaden kenne ich hauptsächlich von meinen Auftritten im Kulturpalast, einem herzlichen, aber rustikalen Club, in dem der Spiegel im Backstage vor lauter Aufklebern von Punkrockbands keinen freien Zentimeter Glas mehr hat. Die Wilhelmstraße – den noblen Boulevard der Stadt – habe ich bislang immer nur zügig durchfahren. Jetzt wohne ich direkt an dieser Prachtstraße mit den uralten Häusern und den knorrigen Bäumen, direkt gegenüber der Parkanlage “Warmer Damm”, in der Villa Clementine. Das Haus ist unglaublich. Hohe Stuckdecken mit atemberaubenden Formen, ein Treppenhaus aus schwarzem Marmor (Stufen) und virtuos gefertigtem Eisenguss (Geländer), eine Doppelfassade, Terrassen, Wintergärten, Flure. Das Wiesbadener Literaturhaus hat heute hier sein zu Hause mit den Büros des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, einem Literaturcafé, Leseräumen, Buchtauschregalen, offen für alle Kulturbegeisterten von 1 bis 99 Jahren. Ein Seminarraum des Börsenvereins wurde letztes Jahr für die Verfilmung von Sebastian Haffners “Geschichte eines Deutschen” in ein Büro der 30er-Jahre umgebaut. Morgen vormittag lese ich unten für zwei siebte Klassen. Heute Nacht bumpere ich auf Socken über das Fischgrätparkett des Dachgeschosses. In den zwei Gästezimmern wohnen Autoren, die hier auftreten und Workshops geben. Die Stipendiatenwohnung hat manchmal für Monate Künstler zu Gast, die danach nie mehr ausziehen wollen und sich am Stuck festklammern. Ich schreibe die halbe Nacht bis zur Erschöpfung, da viel zu tun ist. Ab und zu fällt mein Blick aus dem Fenster auf diese unglaublichen Fassaden und die weißen Lichtbälle der Fassaden.

Der nächste Morgen findet mich und Klaus Krückemeyer zwanzig Minuten vor der Lesung über den Kaffeetassen im aufgeregten Gespräch. Klaus freut sich, weil ich als Autor, Journalist und ehemaliger Bürgerfunker die Arbeit, die hinter einem Radiobeitrag steckt, zu schätzen und einzuschätzen weiß. Klaus tackert für einen Beitrag, der 1:20 Minute dauert, bis zu drei Tage durch die Gegend. Recherchieren, O-Töne einholen, Sprechen, Schneiden, Friemeln. “Wenn ihr einen Film seht”, sagt Klaus daher auch wenig später bei der Begrüßung der Kinder, “wenn ihr ein Spiel spielt oder ein Buch lest oder ein Lied hört, dann stecken dahinter immer Leute, die sich Gedanken gemacht haben.” Es ist uns wichtig, den Kids das heute mal zu erklären und sie saugen alles auf, was wir zwei Praktiker und Insider erzählen. Finn, Flo und Lukas brechen derweil während ihrer Quest bei ALDI ein oder lernen den TV-Filmemacher Jan-Eric kennen, dessen abgebrühte Methode, ihre Biografie sendetauglich zu verändern, zu einer zeigefingerfreien Aufklärungsstunde über die Arbeitsweise des Privatfernsehens und der Reality-Formate führt. Heute fragt ausnahmsweise mal kein Schüler danach, was ich als Game-Journalist alles teste; dafür kann ich das erste Mal meine Einblicke in die “scripted reality” von Doku-Soap bis Dschungelshow in hellwache, kleine Ohren transportieren. Die Lügengeschichten Finns wiederum motivieren die Kids dazu, sich selber auch kreativer als Geschichtenerzähler zu betätigen. Im Leben wie auf Papier.

Auf der Heimfahrt höre ich einen frischen Bericht über die Plagiatsvorwürfe gegen Annette Schavan. Die Plagiatsjäger, die in uralten Dissertationen nach Anzeichen für Plagiatsfragmente suchen, arbeiten auf Internetplattformen als Schwarm an den aktuellen Texten auf dem Seziertisch. Acht Wissenschaftler und Politiker haben sie bislang zu Fall gebracht. Sie fühlen sich dabei wie die Iraker, als sie Saddam Husseins große Büste umwarfen. Gelingt ihnen ein Plagiatsnachweis, mieten sie sich eine Villa und feiern ihren Erfolg gemeinsam mit anderen produktiven Mitgliedern unserer Gesellschaft, die den Neid, die Missgunst und die boshafte Freude an der Vernichtung anderer längst hinter sich gelassen haben, darunter noble Berufsstände wie Paparazzi, Shitstorm-Starter, Klatschjournalist oder Steuersünder-CD-Verkäufer. Fast schon ärgerlich, dass die Kinder von heute Vormittag nach der Leseshow mit Klaus und mir lieber so etwas Eitles wie Schriftsteller oder Musiker werden wollen.

Roter Salon der Villa Clementine

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