Tourtagebuch – 29.01.2013 Lübeck, Bücherpiraten (7. Lübecker Jugendbuchtage)

Lübeck ist die Stadt des Guten. In jeder Hinsicht. Künstlerisch. Architektonisch. Moralisch. Das Holstentor thront in ihrer Mitte als Zeitportal in die Hansezeit. Im Buddenbrookhaus trappeln simulierte Pferdehufe auf dem Kopfsteinpflaster der Vergangenheit und in der Brust pumpt das Herz des gewissenhaften Schriftstellers in Ehrfurcht vor Thomas Mann. Der Glaskasten im Bahnhof nennt gleich drei verschiedene Anlaufstellen für Wohnsitzlose, kein Blick benötigt mehr als hundert Meter, um auf alte, erhaltene Bausubstanz zu treffen und die Bäckerei Junge arbeitet ausschließlich mit so fair gehandelten Rohstoffen, dass sie jedes Weizenkorn bei seiner Ankunft namentlich begrüßt. Zuletzt habe ich die wunderschöne Stadt vor elf Jahren mit Sylvia besucht. Heute hetze ich haltlos wie ein Ego-Shooter durch Bahnhofsviertel, Holstentor und Innenstadt, um den Gipfel des Guten in dieser nordischen Oase zu finden: das Kinderliteraturhaus der Bücherpiraten. Junge Menschen machen Literatur lebendig für noch jüngere Menschen. Mit Lesungen, Workshops, Poetry Slams und einem ganzen Haus voller Bücher. Sogar die Kleinsten führen sie im “Bilderbuchkino” an die Phantasie zwischen zwei Buchdeckeln heran – begleitet vom Beamer tauchen die Kinder in eine Vorlesewelt ab. Damit all das räumlich möglich ist, hat eine wohlhabende Lübeckerin das alte Kaufmannshaus in der Fleischhauerstraße 71 erworben und vermietet es den Bücherpiraten für einen symbolischen Preis von einem Euro im Monat. Ein Umgang mit Reichtum, der Lübecks von mir verliehenem Titel als “Die Stadt des Guten” seinen endgültigen Glanz verleiht.

Meine Rolle in dieser lebendigen Utopie ist klein, aber fein. Ich bin Lesegast der 7. Lübecker Jugendbuchtage, 2013 unter dem Motto: “Bekannte Fremde”. Mit der “Fremde” ist die Landschaft gemeint, wobei zu Finn released und Finn reloaded eher der Begriff “Unbekannte Nähe” passen würde. Wie die drei Jungs aus dem Buch ihre eigene, vertraute Umgebung in ein spannendes, neues Adventure verwandeln gefällt den zwei Schulklassen im knallwarmen Dachgeschoss des Hauses. Mit viel Improvisation und ein paar Anspielungen nur für die Lehrer versetzt vergeht die Zeit der Show wie im Fluge. Danach fragen mich die Kids einer Klasse über Finn Anders aus, da sie als Hausaufgabe eine Figurenbeschreibung erstellen müssen. Die andere Klasse geht derweil nahtlos am Ende des Raums von der Lesung in den Mathe-Unterricht über, da eine Rückfahrt zur Schule für die letzte Stunde zu lange dauern würde. Den Raum dürfen sie einfach so haben. Auch das kein Problem unter Lübeckern. Mir selbst stand in der Nacht zuvor als Wohnraum ein großes Appartement gegenüber der Kirche St. Aegidien zur Verfügung. “Die Kirchenglocken beginnen, um 6 Uhr zu schlagen” warnt ein Schild im Zimmer. Ich finde das romantisch und sitze ab 5:24 Uhr zum Schreiben an der dichterischen Werkbank. Frühstück gab’s nebenan im Marli-Café, einem Projektrestaurant der Marli GmbH, die Menschen mit Behinderungen die Möglichkeit gibt, sich “unter Bedingungen des ersten Arbeitsmarktes zu erproben und zu bewähren”. Dass der Kaffee, den die nette Bedienung am Morgen zum Frühstück in einem terrakottafarbenem Steingutbecher serviert, das Transfair-Siegel trägt, versteht sich von selbst. Lübeck eben, die Stadt des Guten.

Lauter lesen! Gestische Wucht bei "Finn released"

This entry was posted in Allgemein, Tourtagebuch 2013 and tagged , , , . Bookmark the permalink.

Comments are closed.