Tourtagebuch – 26.05.2013 Hamburg, Hafenklang

Lebenskulturen … im Hamburger Hafenklang ist jeder freie Meter Wand mit Aufklebern von Bands beklebt. Die Lampen versuchen, ihr Licht durch schwarze Sticker zu pressen. Die Feldbetten im Schlafraum für Bands, den ich heute ganz alleine bewohne, haben kaum noch einen Millimeter freien Lack. Die Geschichten, die ich vor einem gemütlichen Dutzend lächelnder Nordlichter vortrage, strotzen vor Suff und Sex. Erst heute Abend, auf der kleinen Bühne zwischen der golbraunen Bar und den Hafenkränen vor dem Fenster, wird mir wieder klar, was für ein versautes Buch Sylvia und ich mit Überleben auf Partys geschrieben haben. Die Männer, die im Kapitel “Die Scheunenparty”, von tschechischem Fusel enthemmt, im Maisfeld unterm Mondlicht ihre pulsierenden Schwänze aufpumpen, um das Wettwichsen der Jugend nachzuholen oder die Messefrau Nina, die nach dem Gewohnheitssex mit dem Kollegen unter der eigenen Hotelzimmerdusche “zu Ende bringt, “was Jens angefangen hat”, lassen die reservierten Hamburger endgültig aus sich herauskommen. Ihr Lachen ist süß verschämt, kopfschüttelnd zustimmend, ein Lachen, das sagt: “Genau so ist das, aber wie krass, dass die das tatsächlich so schreiben!” Ein sehr lieber persönlicher Gast von mir – ein erfahrener Punkrockmusiker – sagt mir nach dem Gig am Büchertisch, dass ihn die Szene im Aufzug, in der Nina und Jens sich jeweils im Stillen denken, heute auf Sex und Messefremdgehen gar keine Lust zu haben, es aber dann doch wie eine Pflichtübung durchziehen, sehr bewegt habe. Ob unter Messetreibenden, Musikern oder Managern – der heimliche Wunsch, den Gelegenheitssex zu vermeiden anstatt durchzuziehen, gehört anscheinend zu den Offenbarungen des Buches, die so sonst noch niemand auf den Punkt gebracht hat.

Im Schlafraum lese ich die Namen all der Bands, die vor mir hier gepennt haben. Aufgeklebt mit den besagten Stickern. Aufgemalt mit Edding auf die Tür des Badezimmers. Ein paar kenne ich, den Rest schlage ich im Internet nach, eine Gewohnheit von mir, wenn ich in Clubs übernachte. Alle Männer, die die Dusche vor mir benutzt haben, waren Schreihälse. The Arson Project aus Schweden waren hier, Grindcore-Berserker der ganz knüppelharten Sorte. The Chariot spielen variabler, pressen sich aber auch die Adern aus dem Schädel. Dead & Divine zocken und schreien. Alle schreien sie. Norma Jean schreien zurzeit wenigstens mit großem Humor. Ihre aktuelle “Single” heißt “Ahh! Shark Bite! Ahh!”, dauert sechs Sekunden und besteht aus einem harten Riff und den geschrieenen Worten “Ahh! Shark Bite! Ahh!” Draußen vor dem Fenster wehen noch die Fahnen vom Hamburger Elbjazz-Festival am Vortag, eine Versammlung der Kultivierten, die nicht schreien und keine Aufkleber in ihre Hotelzimmer pappen. Obwohl, lustig wäre es, man stelle sich das mal vor, so ein gebildeter Trompeter einer Jazzcombo checkt ins 5-Sterne-Hotel ein tackert die Duschwand erstmal mit Stickern von Miles Davis, Charlie Parker und dem Kilimanjaro Darkjazz Ensemble voll. Der Taxifahrer, der mich heute Nachmittag vom Hauptbahnhof hergefahren hat, stand dem Jazzfestival näher als dem Punkrock-Club. Er trug eine randlose Brille, hörte als Radiosender Dkultur und kaufte mir nach nettem, intensiven Gespräch sofort ein Exemplar von Voll beschäftigt ab. Friedlich denke ich an diese Szene unter der Dusche des Bandraums zurück, bevor mich kurz wieder ein Anfall überkommt und ich für sechs Sekunden willkürlich schreien muss. “Ahhhhhhhhhhhhhh!!!! Dusche!!!! Ahhhhhhhhhhhhhhhh!!!!”, brülle ich, es liegt einfach von den Vorbewohner in der Luft und fährt in mich wie eine Besessenheit. Auf die Fliesen neben des Klos hat einer der Schreihhälse mit Edding geschrieben: “Don’t beam me up, Scotty, I’m having a shi…” – das “t” verschwindet mit einem hohen Strich Richtung Decke. Wahrscheinlich war es der “Sänger” von Norma Jean, der Adernplatzer mit Humor. Nach einem Nachtspaziergang am Hafen, telefonierend mit Sylvia und das Plätschern an den Kaimauern unter mir, schlafe ich ein und träume vom Haibissen.

Fenster im Bandraum des Hafenklang

Fenster im Bandraum - Sicht auf den Hafen durch Sticker versperrt

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