Tourtagebuch – 27.05.2013 Adendorf, Schule am Katzenberg (Tag 1)

Lebenskulturen … In den Fluren der Adendorfer Schule am Katzenberg ist jeder freie Meter Wand mit Schaubildern des guten Handelns beklebt. Poster gegen Rassismus und für Zivilcourage. Aufforderungen zum Umweltschutz und zur Hilfe bei Unfällen. Die neunte Klasse, der ich heute und morgen einen Workshop zum Schreiben gebe, hat Schaubilder zum Coltan-Abbau im Kongo erstellt und ins Foyer gehängt. “Was hat mein Handy mit dem Krieg zu tun?” steht dort und in großen Substantiven: MEIN HANDY – KRIEG – BERGGORILLAS. “Den Garten Eden retten” lautet das Motto, man hat hier keine Scheu vor Pathos. Die Schule ist gesponsert von der kapitalismuskritischen Nicht-Regierungs-Organisation Club of Rome. Das Logo prangt am Eingang, direkt neben einem Schild mit der Aufschrift: “Schule ohne Rassismus. Schule mit Zivilcourage”, zu dem auch T-Shirts gedruckt wurden.

Studierende der Universität Lüneburg haben im Rahmen von Lüneburg liest diesen Worskhop als Projekt für ein eigenes Seminar aus der Taufe gehoben. Die Klasse 9.3 hat sich freiwillig gemeldet, weiß aber nichts von mir, dem Romanschreiben oder dem Gegenteil von oben, dessen Beginn heute die Wurzel ist, anhand derer ich die wichtigsten Weisheiten zum Schreiben ausbreite und das die Schülerinnen und Schüler in Fünfergruppen weiterschreiben, ohne zu wissen, wie das Buch tatsächlich weitergeht. Die Lehrerin ist erstaunt, wie es mir gelingt, die Klasse fast einen ganzen Schultag lang bei der Stange zu halten. Die jungen Leute sind fasziniert von den praktischen Einblicken ins professionelle Schreiben, in die real existierende Verlagsbranche und die Psychologie. Als ich gegen Ende des Tages von unbewussten Lebensplänen erzähle, die sich erfüllen, solange wir sie nicht aufdecken, sagt eine Schülerin leise und fasziniert: “Gruselig!” Um 12:52 Uhr testet die Lehrerin, ob ihre Schäfchen immer noch aufpassen und fragt sie, was die Kürzel meiner Diagramme an der Tafel bedeuten. Ihre Erwartung, dass es keiner sagen kann, bleibt gnadenlos unerfüllt …

Der Nachmittag ist frei und wird geprägt von Sport, Natur und dem bürgerlichsten Kontrast, den man sich zum Hafenklang und dem Hamburger Kiez vorstellen kann. Ich spaziere entlang Fußballrasen, Tennisplätzen und grünen Golfhügeln zwischen dem Wellness-Resort Castanea und dem schlichten Sporthotel des TSV Adendorf 1923, in dem ich nächtige. Ich schwimme mit dem letzten Eintritt einer Zehnerkarte, den mir die Lehrerin geschenkt hat, im Freibad nebenan. Eine Ente und ein Haubentaucher landen auf dem 23 Grad kühlen Chlorwasser und werden von Kindern gejagt. Auf dem Tennisplatz spielen vier alte Herren ein Doppel und schauen misstrauisch zu mir, dem flanierenden Fremden. An den Wegrändern blüht der Rhododendron und in den Wipfeln zwitschern die Vögel. Im Restaurant des Hotels, wo ich am Abend esse, trifft sich eine Gruppe alter Männer zum Skat-Turnier. “Tisch 1: Horst, Helmut und Rainer!”, teilt der Anführer die erste Partie mit lauter Stimme zu. Vor den Wandkästen mit Geldschlitzen, in denen Menschen beim Stammtisch Sparbeiträge einzahlen, sitzt die Kassenwartgruppe des Hauses, öffnet die Kästen und zählt das Geld. An einem runden Ecktisch kommen acht Vertreter örtlicher Sportvereine zusammen und besprechen das Jahresgeschehen. “Tagesordnungspunkt 1!”, eröffnet der Anführer die Runde nachdrücklich … es ist wichtig in Adendorf, dass es für alles Anführer gibt. Und Protokolle. Die Innentöpfe der Zimmerpalmen auf den Fensterbänken sind größer als die Außentöpfe und ragen keramikbraun über den weißen Rand. In der Bar sitzen suspekte Männer und rauchen, weil man dort noch rauchen darf. Im Saal rechts des Eingangs singt ein Chor glockenklar kirchliche und weltliche Lieder. Ein Faltblatt kündigt zum 31. Mai eine “Klassik-Gala” mit Pianist, Violinistin, Tenor, Bariton und Sopran an. Ferner als von “Ahh! Shark Bite! Ahh!” kann man gar nicht sein. Zwischen den Haibissen und den Enten auf dem Freibadwasser sind nicht mal 24 Stunden vergangen.

Sportplatz des TSV Adendorf 1923

Brüchiger Weg zwischen grünem Rasen - mein Wellness-Paradies!

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