Tourtagebuch – 28.05.2013 Adendorf, Schule am Katzenberg (Tag 2)

Lebenskulturen … im Lehrerzimmer der Adendorfer Schule am Katzenberg zeugen Bilder und Scherzpostkarten von der fatalistischen Haltung des pädagogischen Personals. “Scheissegal, wie der Tag war”, steht dort auf einem bunten A4-Ausdruck am Schrank eines Lehrkörpers, “immer erhobenen Hauptes nach Hause gehen!” Das Bild dazu zeigt einen zerrupften Hahn. Am schwarzen Brett macht eine Karin darauf aufmerksam, dass die Pflanzen in der Mensa dringend umgetopft gehören. Allein, ihr Rücken mache das Solo nicht mit. “Hast Du gehört?”, fragt eine Lehrerin ihre Kollegin, während ich meine Autorenohren spitze, “gestern auf der Personalversammlung wurde uns befohlen, das nächste Schuljahr gefälligst enthusiastisch zu sein.” Ein herrliches Kommando. “Sei enthusiastisch!”, fast so gut wie “Sei spontan!” Dabei gibt es nichts zu meckern für mich. Auch am zweiten Tag ist die Klasse 9.3 so aufmerksam und interessiert wie am ersten. Sie stellen Fragen, während ich den Aufbau echter Verlage erkläre und lesen die Fortsetzungen vor, die sie zum Gegenteil von oben geschrieben haben. Originelle Fortführungen der Handlung, die genauso denkbar gewesen wären wie der tatsächliche Plot. Etwa, dass Dennis’ Mutter eines Tages ihren Arbeitskollegen Falke als neuen Freund mit nach Hause bringt nur deshalb immer über ihn geschimpft hat, weil er ihre Liebe bislang nicht erwiderte. Oder auch, dass ein Mann ihr neuer Lebenspartner wird, den sie für grundgut hält und der in Wirklichkeit ein Schläger und Neonazi ist, was nur Dennis bemerkt und sie ihm nicht glaubt. Keimzellen für große Dramen entstanden in den Köpfen der Schülerinnen und Schüler und erste Erkenntnisse aus meinem Kurs wurden sofort umgesetzt. So klingen und riechen die kleinen Abschnitte, sie erzeugen Kopfkino, und dort, wo sie nur behaupten statt zu erzählen, kann ich erneut illustrieren, warum Schreiben Inszenieren bedeutet und nicht Berichten.

“Albern”, sagt eine Lehrerin nach meinem Kurs im Lehrerzimmer und meint moderne Phänomene, mit denen sie sich konfrontiert sieht, seit sie hier unterrichtet statt an der Schule im sozialen Brennpunkt. Hier, in der Schule des Umweltschutzes, der Courage und des höflichen Umgangs miteinander, gebe es zum Beispiel nur wenige Männer und gerade die, die privat Single seien und nach Feierabend nicht noch Kinder, Katzen, Haus, Hof und Gatten zu versorgen hätten, stöhnen am lautesten auf, wenn sie vor der Liste der Vertretungsstunden stehen und ungeplant eine Stunde länger bleiben sollen. “Nicht schon wieder”, seufzen sie dann, erzählt die Lehrerin und macht die Gesten der Kollegen nach, die Arme verschränkt und den Rücken im karierten Hemd mit Spültuchfarben ins Hohlkreuz gelehnt stehen sie vor dem Dienstplan, als müssten sie in Chile zur Rettung verschollener Bergarbeiter in einen Stollen kriechen. Wahrscheinlich war es einer von ihnen, der das laminierte A4-Blatt über die Spülmaschine gehängt hat: “Geschirr schimmelt nicht, wenn Mann es einfriert”, das “Mann” tatsächlich als “Mann” geschrieben. Es mag auch eine desillusionierte Kollegin gewesen sein.

Tisch beim Sportplatz des TSV Adendorf 1923

"Schule, auf den Kopf gestellt" - Unfreiwillige Installation am Sportplatz gegenüber

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