Tourtagebuch – 04.06.2013 Neubrandenburg, Buchhandlung Hugendubel

Auf der Hinfahrt lerne ich lauter neue Begriffe. “Hochwassergaffer” zum Beispiel, schon jetzt ein Kandidat für das Wort des Jahres. Das Radio erzählt mir auf den gesamten 600 Kilometern der Reise vom aktuellen Stand in den überschwemmten Gebieten von Bayern und Sachsen. “Wenn Frau Merkel eine Pumpe bedienen und Sandsäcke schleppen kann, ist sie herzlich willkommen”, frotzelt ein Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks in das Mikrofon einer Journalistin. “Dass in dieser Lage die Nerven blank liegen, muss man verstehen”, beschwichtigt ein örtlicher Politiker. Der Moderator der Sendung sagt, Frau Merkel selber sei natürlich keinesfalls ein “Hochwassergaffer”, schließlich bringe sie freiwillig Geld mit. Die echten Sensationstouristen werden ab sofort mit Bußgeldern von 3000 Euro bestraft. Der Veranstalter der für morgen geplanten Show in Dresden erreicht mich auf einem Rasthof, der zur Ortschaft Vehlefanz gehört. Er sagt die Lesung ab, da es ab morgen in Dresden womöglich keinen Strom mehr gibt. In einer Allee warnt mich ein Schild an einem Baum vor dem “Eichenprozessspinner”, einem Blätter fressenden Schmetterling, der als Schädling bekämpft wird. Ich habe selten ein gefährlicher anmutendes, unangenehmeres Wort gehört. Viel schöner klingt da der Gartenschläfer, ein Vogel, der sich in ehemaligen Spechtlöchern einnistet. Ihn lerne ich in einer Reportage über den neuen, geplanten Nationalpark im Schwarzwald kennen, wo wieder Urwald entstehen soll, was der Holzwirtschaft gar nicht passt. Sie befürchtet, dass trotz eines 500 Meter breiten Streifens zwischen der neuen Wildnis und den wirtschaftlich genutzten Gebieten der Borkenkäfer auf das Nutzholz überwandert, denn dieses Tier darf in einem absichtlich sich selbst überlassenen Gebiet natürlich auch schalten und walten, wie es will. Das nennt man dann “Borkenkäferkalamität”. Was für eine lehrreiche Fahrt.

In Neubrandenburg empfängt mich die Belegschaft der örtlichen Filiale von Hugendubel überaus herzlich und gibt mir das Gefühl, dass meine Lesung für sie noch etwas Besonderes ist. Außerdem ist ein Superfan erschienene, Katrin. Katrin hat nahezu alle existierenden Bücher zum Unterschreiben dabei und ich komme dem Wunsch nach der Show gerne nach, denn Katrin und ihr Begleiter amüsieren sich in der ersten Reihe derart ausgelassen, dass sie aus dem rund 25 Personen umfassenden Publikum gefühlt eine enthusiastische 2000er-Halle machen. Ich komme sehr gut in den Fluss, plaudere und improvisiere, stehe auf und wandere bei einer Stand-Up-Einlage quer durch die Auslagentische mit Kinderspielzeug, Plüschschildkröten und Kalendern in Form alter Musikkassetten. Bücher gibt es allerdings auch in der Buchhandlung, zum Beispiel “Blankenburg” von Sibylle Lewitscharoff, einer Kollegin, die dieser Tage den Georg-Büchner-Preis gewonnen hat, den wichtigsten Literaturpokal Deutschlands. Den zweitwichtigsten(Ingeborg-Bachmann-Preis) gewann sie ebenfalls schon, darüber hinaus auch die dritt- bis zwanzigwichtigsten, an ihrer Wand befinden sich die Urkunden zum Kleist-Preis, zum Grimm-Preis, zum Marie-Luise-Kaschnitz-Preis und zum Preis der Leipziger Buchmesse … zum Berliner Literaturpreis, zum Ricarda-Huch-Preis, zum Marie-Luise-Fleißer-Preis. Tief auf dem Boden der Tatsachen verwurzelt, hebe ihre Prosa ständig ins Mystische ab, lasse ich mich vom Radio-Feuilleton aufklären. Das Mystische, das zugleich nicht esoterisch oder gar Fantasy ist, scheint ohnehin eine Preisgarantie zu sein, der letzte Nobelpreisträger Mo Yan ist auch Mystiker und pflegt den “halluzinatorischen Realismus”. Und welcher Roman aus unserem Gesamtwerk hat bislang als einziger einen “ernsten” Literaturpreis gewonnen? Die Wandelgermanen, auf welche der Begriff “halluzinatorischen Realismus” auch sehr gut zutrifft, denke ich mal.

Auf dem Weg ins Hotel am Ring gebe ich mir nach einem kurzen Abstecher zum Italiener auch noch eine Portion Mystik. Die alten, seit Anbeginn der Ortszeit erhaltenen Stadttore, die Neubrandenburg den Titel “Stadt der vier Tore” verleihen, werden in der Nacht auratisch beleuchtet. Unter ihnen das Kopfsteinpflaster, neben ihnen die alte Stadtmauer, auf der aufgeflanscht wie Wachposten – kleine Fachwerkhäuser sitzen, die im fahlen Licht so unwirklich scheinen, als sei ich in eine Folge von Grimm geraten. Für eine Sekunde glaube ich, hinter dem sich bewegenden Vorhang ein Gesicht zu erkennen, das sich für einen Augenblick in das einer Katze verwandelt. Ich eile zügig zum Ring, fahre zu meiner Suite im 14. Stock hinauf, die Hugendubel hat springen lassen und denke während des leisen Surrens der komplett in Stoff gekleideten Kabine an Borkenkäfer, die sich unter die Rinde schieben und Sandsäcke, die in Sachsen dumpf auf die Deiche klatschen.

Stadttor in Neubrandenburg

Mystisches Erschauern - ein Stadttor in Neubrandenburg

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