Tourtagebuch Reloaded – 24.03.2007 Leipzig, Ilses Erika, mit Michel Birbaek

Eine Lesung gab es im Rahmen der Messe auch noch. Michel Birbaek und ich gemeinsam im Ilses Erika, dem angeblich kultigsten Club der Stadt, abends um 21 Uhr, nach dem Interviewmarathon für GALORE. Es mag jetzt schon wieder sehr dekadent klingen, aber ich hatte keinen Bock. Ein Wannenbad und ein Jump’n'Run auf einer geliehenen und am Hotelfernseher angeklemmten Playstation, dazu Bagels und Donuts, zwischendrin die Süße anrufen und zur Nacht Harald Schmidt: danach war mir. Aber nein, ich muss wieder ins Auto und lesen. Also ab. Und wie das immer so ist bei Ereignissen, von denen man wenig erwartet: Es war – vom reinen Unterhaltungsfaktor und der Euphorie des Publikums gerechnet – mein bisher bester Auftritt. Das ist zum großen Teil Michel Birbaek zu verdanken, der schon länger ein Profi ist und einen einiges lehren kann. Etwa, dass es manchmal gar nicht nötig ist, allzuviel aus seinen Büchern zu lesen, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. So ist der Höhepunkte seines Gigs die Übersetzung eines Pornogroschenheftes, das er der Übersetzungskunst eines Online-Programms anvertraut hatte, was ein avantgardistisches Sprachkunstwerk allererster Kanone ergab. Las er dann doch mal eine Geschichte, flechtete er literarisch wie von der Intonation her Leitmotive und Rhythmen ein, dass es auch formal eine Freude war. Umgekehrt lobte er meine Fähigkeit zu lautstarken, dynamischen Dialogen und den Ruhrpott- und Macherflair meiner Anekdoten, als wir uns sozusagen live auf der Bühne wie Andrack und Schmidt unter der Leinwand-Hartmut-WG kennen lernten. Das Publikum – darunter meine Lektorin sowie ein guter Comiczeichner-Freund mit dem grandiosen T-Shirt-Motiv ‘Der Biber macht’s richtig, nagt alles kaputt!’ – benahm sich irgendwann wie auf der Kegeltour. Es genügte, so meine Lektorin, “dass einer von euch nur einen Gesichtsmuskel verzog, und alle schmissen sich weg!” Menschen als Entertainer so weit bringen zu können, ist ein grandioses Gefühl und auch ziemlich leicht, wenn man sich die ganze Zeit über seinen eigenen Kollegen selbst bis in die Bewusstlosigkeit lachen muss. Umso glücklicher fiel ich um 2 Uhr nachts aus dem ranzig-charmanten Kellerclub in mein dekadent-charmantes Hotelbad in die Wanne.

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