Tourtagebuch – 05.06.2013 Berlin & Kleinmachnow, Offday

Da Dresden ausfällt und ich morgen in Potsdam gastiere, fahre ich direkt nach Berlin. Ich will später am Tag meinen Agenten treffen, vorher eine Bleibe finden, Schwimmen gehen. Tage, die ich komplett frei gestalten kann, machen mich unruhig. Ich habe dann den Anspruch an mich selbst, alles, was irgendwie liegen geblieben ist, in den paar offenen Stunden zu erledigen. 198 Mails checken. Ein Exposé schreiben. Tourtagebücher aus Jahren nachholen. Telefonate erledigen. Menschen treffen. Dazu kommt, dass ich für die Umwelt um mich herum in einer Stadt wie Berlin keinen Filter habe. Jedes interessante Geschäft, jede Galerie, jeder antike Buchhändler und jede verdammte Imbissbude, die irgendwas Vegetarisches anbietet, das es auf dem westfälischen Dorf nicht gibt, zieht mich an. Ruft mich. Sagt: Du musst alles wahrnehmen, darfst nichts auslassen! Gleichzeitig flüchte ich vor diesem Overkill und checke absichtlich nicht in ein Innenstadthotel ein, sondern fahre auf einen Campingplatz am Kanal in Kleinmachnow, City Camping Berlin, ein irreführender Name, denn nichts könnte weniger “City” sein als dieser kleine, brüchige Streifen nahe des Gewerbegebiets Europarc genau zwischen Berlin und Potsdam. Arbeiter nächtigen in dem kleinen Hotel, das mit Zimmern ab 18 Euro lang und schmal am Campingplatz steht, mit einer alten, roten, halbrunden Vordachplane über der mit grünem Filz belegten Treppe. Friedhöfe und Campingplätze stimmen mich gelassener, doch sobald ich wieder unterwegs bin, geht die Unruhe weiter. Ich finde kein Schwimmbad, das mir passt. Das Wasser im Freibad Kleinmachnow ist mit 17 Grad zu kalt für die mindestens 60 Bahnen, die ich absolvieren will. Die Schwimmhalle Hüttenberg öffnet für Nichtvereinsmitglieder erst ab 16 Uhr. Zwischen der Suche nach einem Nass, das mich aufnimmt, telefoniere und simse ich unablässig wegen wichtiger beruflicher und privater Dinge. Als mir der Strom meines neuen Telefons ausgeht, stürze ich wie ein Süchtiger auf Entzug in einen real-Supermarkt und einen Medi Max, um sämtliche Unterwegsladegeräte für Auto und Steckdose zu kaufen, die es gibt. Ich brauche Saft, Saft, Saft! Zwischendrin kippe ich mir Kaffee zum Mitnehmen in den Nacken und schlinge gegrillten Ziegenkäse im Brot herunter. Der Ziegenkäse stammt aus einer Bude in Charlottenburg nahe Savignyplatz … ach so, ich bin schon in der Stadt. Wo war ich die letzten zwei Stunden? Richtig, am Wannsee, nachdem kein Bad aufhatte, der See sah mich nur ganz kurz, das Wasser war auch hier zum Bahnen ziehen zu frisch, welch ein Wunder, der Besuch verging so schnell, dass ich ihn kaum bemerkt habe. Nur ein neuer Begriff blieb mir im Gedächtnis: “Magerrasen”. Er stand auf einem Schild im Park des Wannseebads. Magerrasen, eine struppige Form von Wiese, die auch bei Trockenheit wächst und einer großen Artenvielfalt Raum bietet. Deswegen darf man hier nicht von den Wegen runter.

Vor dem Café Jules Verne, wo ich meinen Agenten treffen werde, sitzt einen Tisch weiter eine lebendige Karikatur. Ein Mann, braun gebrannt, schwarze, lange, gegelte Haare, teure Uhr mit Panzergliedern, iPhone und diesem überheblichen, sich selbst so geil findenden Blick, wie ihn nur Berliner Medienschaffende haben. Er redet mit seiner Begleiterin über die Doku-Soap, die er gerade konzipiert und er tut es auf eine Weise, die ich niemals erfinden würde, da es dann zu übertrieben klänge. “Der Signature Song wird ‘Sing Hallelujah! von Dr. Alban’”, sagt er und beugt sich vor, “das ist richtig schön Scheiße, voll 90er-Jahre und passt zum Thema. Hallelujah, wir tun es wirklich!” Der Mann ist erregt über sich selbst und simuliert zugleich coole Überlegenheit. “Das wird Hochglanz, kein Trash, ja? Sex & The City, nur eben in echt.” Stolz berichtet er, wie er die Darsteller seiner Soap kürzlich kennen lernte und sie bereits abseits der Kamera begannen, übereinander herzuziehen, sobald einer weg war. “Das gibt richtig geile Konflikte”, freut sich der Mann und reibt seine großen Hände. “Und danach”, sagt er und lehnt sich zurück, “muss ich unbedingt noch eine deutsche Vampirserie machen, über Liebe, Familie und Verrat.” Sein Grinsen ist feist. Menschen, die ihr ganzes Berufsleben damit verbringen, Würmer zu erschaffen, die nur dem Fisch schmecken statt dem Angler (wie Dieter Bohlen es zu sagen pflegt) bevölkern diese Stadt auf allen Ebenen.

Am Abend trainiere ich ein wenig meine Muskeln auf dem winzigen Zimmer, während Michael Ballack in Leipzig sein Abschiedsspiel hat. Eine Weltauswahl gegen das Team “Ballack & Friends”. Das Spiel gibt Sylvia Recht, denn sie vertritt die These, dass Fußball als Leistungssport und Ersatzkrieg mit Freude an der Sache nichts zu tun hat. Man sieht das immer dann, wenn ein Mal im Jahr ein Spiel einfach so stattfindet. Aus Spaß. Unter Freunden. Wegen eines Abschieds oder einer Spendenaktion für den guten Zweck. Denn: Sie lächeln. Alle. Ballack, der seine Karriere beendet. Lahm, mit dem er sich öffentlich versöhnt. Drogba, Schürrle, Klose … all die noch aktiven Spieler genauso wie erst Recht die längst pensionierten, die sich noch mal für ihren Freund auf den Rasen begeben. Sie haben längst eine Plauze und schütteres Haar, wenige Jahre nach dem Ende ihrer Laufbahn. Wahrscheinlich haben sie am Tage ihres letzten Spiels schon mit dem nervigen Trainieren aufgehört und sich endlich wieder gehen lassen. Und sie lächeln. Frei, befreit. Sie spielen einfach Fußball. Der Schiedsrichter trägt eine Kamera an der Brust für witzige Live-Aufnahmen und scherzt mit den Jungs. Heute ist es kein Sport, heute ist es ein Spiel. Ich muss fast weinen.

Als ich um 23:15 Uhr aufgrund überaus witziger Erzählungen Sylvias am Telefon lauthals im Zimmer lache und gröle, klopft ein Arbeiter wütend gegen die papierdünne Wand. Er muss morgen um 6 uhr raus und ist nicht wie die Camper oder der komische Schriftsteller mehr oder weniger zum Spaß hier. Schüchtern, wie ich abseits der Bühne bin, dämpfe ich augenblicklich meine Stimme und sage langsam Gute Nacht. Auf QVC preisen zwei ewig wache Männer Solarsteckleuchten für den Garten an, die im Gegensatz zur Baumarktware echtes Glas, Aluminium und eigens angefertigte Solarzellen statt aus der Industrie abfallende Reststücke verarbeitet haben. Man erkennt diese Reste an den Lötstellen, eine praktische Erkenntnis, die mich ähnlich befriedigt, wie mein neues Wissen über Borkenkäferkalamitäten. Die Verkäufer reden zehn Minuten allein über eine Leuchte, im Halbdunkel, ohne Schnitt und ohne “Sing Hallelujah!”, welches der Zyniker aus der City sofort darunterschneiden würde. Womöglich ist QVC ästhetischer Widerstand, die letzte Kohorte der Entschleunigung. Über diesen Gedanken schlafe ich, wie der von mir aufgebrachte Malocher nebenan, ein.

Campingplatz in Kleinmachnow

Blick aus dem "Hotel"-Fenster: Wohnwagen und Kanal. Beruhigend.

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