Tourtagebuch – 14.03.2014 Leipzig, Café Cantona

Auf dem Weg zu Leipzigs bedeutsamer Fußballkneipe befrage ich den Taxifahrer zur örtlichen Ballsportkultur. Leipzig ist schließlich nicht irgendeine Großstadt, sondern Schauplatz eines Kulturkampfes. Harte Tradition gegen bunten Kommerz. Die alteingesessenen Vereine Lokomotive Leipzig und BSG Chemie Leipzig sehen sich dem neuen Phantasialand des Fußballs gegenüber: RB Leipzig, die offiziell so tun müssen, als stünde “RB” für Rasenball statt für Red Bull, sich selbst und ihre Webseite aber “Die roten Bullen” nennen. Das heißt: Spröder, wenig benutzerfreundlicher Fußball in der Regional- (Lok) oder Bezirksliga (Chemie) mit scharfkantiger Fanlandschaft gegen maximal harmloses Stadion-Erlebnis für die ganze Familie. Ich für meinen Teil muss im prall gefüllten Café Cantona bei meiner Show eher brüllen wie ein Ultra im Krawallbecken, denn der hintere Teil des Restaurants ist gefüllt mit Menschen, die nur zufällig hier sind und mich nicht als Autor, sondern als Pianisten oder Indie-Folk-Sänger betrachten, der sie im Hintergrund etwas beschallt, während Kaffeemaschinen Bohnen zermahlen und Gläser klimpern. Bock macht’s trotzdem. Mein Lektor ist da und die ersten Reihen sind voller Uschmann-Ultras. Einer davon verstrickt mich nach der Show in ein langes Nerd-Gespräch über Fußball. Als er weg ist, plaudere ich noch einige Bierlängen weiter mit dem Chef der Kneipe über die Ambivalenz des Kulturkampfes. Der Chef ist Traditionalist wie ich, aber die Profispieler von Red Bull, die hier bei ihm teilweise Stammgäste sind, stellen sich natürlich alle als nette, patente Jungs heraus. Es ist wie in der Musik: Wenn beim Ruhrpott Rodeo Knochenfabrik oder Emscherkurve 77 als Vertreter der Punkrockbasis auftreten, müssen sie nicht unbedingt bessere Menschen sein als Pennywise und Millencolin, die 80.000 Platten mehr verkaufen. Bis zwei Uhr nachts persönlich beim Bier über Fußball zu plaudern, nachdem ich zuvor schon offiziell vor hundert Menschen über Fußball geplaudert habe, ist jedenfalls angesichts des morgigen Tages, an dem ich fit und ausgeruht die Arena der Messe betreten muss, unklug gewesen. Unklug, aber in seiner nerdigen Geselligkeit absolut wunderbar …

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