Tourtagebuch Reloaded – 08.04.2007 Essen, Zeche Carl, Comedy-Carl mit Marek Fis, Simon, Moses W. & Roger Trash

Als Schriftsteller auf einer Comedy-Mixed-Show aufzutreten ist im Prinzip so, als würden R.E.M. ihr Glück zwischen Venom und Slayer auf dem Wacken versuchen. Beim Comedy Carl jedoch fühle ich mich wohl. Vor drei Jahren hatte ich beim Poetry Slam in der Zeche Carl einen Auftritt beim Comedy Carl gewonnen – mit Hartmutgeschichten. Heute komme ich wieder, zwei Bücher auf dem Markt und das dritte vor der Brust, seither fast ohne Pause gearbeitet, ein Insider sozusagen. Heute weiß ich, wo der Hase langläuft und vor dem Gig sehe ich ihn bereits auf dem Parkplatz, als ich in der Sonne mein Auto aufräume, dort, wo ich früher als junger Mann mit Resthaar Hansa-Pils soff, bevor es zu Lagwagon, Pulley oder Strung Out in die Zeche ging. Der Hase jedenfalls steht auf der Wiese neben einem alten LKW, hüpft zum antiken Mauerwerk und in den Park, der sich hinter der Zeche erstreckt. Ich folge ihm. Es geht über Spazierwege und ins Gehölz, hinauf auf Reste eines alten Bunkers. Querliegende Bäume, knorriger Verfall. Der Hase will mich necken, ich kriege ihn nicht zu fassen, er löst eine Gerölllawine aus, ich stürze rücklings durch den Ruhrpott. Wieder aufgerappelt, verfolge ich ihn durch den Park, vorbei an Schildkröten aus Stein, denen junge Vandalen die Köpfe abgetreten haben. Ich kriege ihn an der Stelle zu fassen, wo vor vielen Jahren NoFX outdoor spielten. Er japst, ich ziehe ihn an den Ohren. Er sagt: “Lass mich los.” Da ich willensschwach bin, lasse ich los. Er sagt: “Fasse dich kurz!” und deutet mit den Ohren zur Zeche, wo ich gleich als einer von vier Künstlern ein Comedy-Publikum unterhalten muss. Dann ist er verschwunden.

Das Tolle am Comedy Carl ist das Drumherum. Der Backstage ist groß, es gibt Kaffee, Süßes, leckeres Gratisessen, einen vollen Kühlschrank und einen alten Sitzungssaal, in dem die Performer nachdenklich auf und ab gehen und ihren Auftritt im Geiste vorbereiten. Heute: Simon, ein 17-jähriger Zauberer, Marek Fis, Stand-Up-Comedien aus Berlin, Roger Trash, der mit einem Pianisten zusammen Rio Reiser liebevoll-komisch erweitert und Moses W., Deutschlands Antwort auf Jack Black und Chuck Klosterman, der den Abend wie immer moderiert. Es ist immer voll, man kommt zu vernünftiger Moderation auf die Bühne, man fühlt sich, wie man sich als Rampensau fühlen sollte. Ich eröffne den Abend – hier ist Uschmann noch absolut Indie – und mische improvisierte Lästerei über die Affekthiertheiten von bestimmten Milieus mit Generationshumor und neuen Ausschnitten aus dem kommenden Roman. Es funktioniert. Meine Eltern sind da und freuen sich wie Bolle; ich setze mich nach meinem Auftritt zu ihnen und schaue mir an, was dieser 17-jährige Simon macht, den ich Backstage üben sah und dessen Tricks ich trotzdem nicht im geringsten verstehe. Beeindruckend leicht und witzig. Marek ist ein Profi und gibt den asozialen Polen mit allen Klischees. Backstage hochdeutsch, saubere Jeans und Anti-Flag-Shirt, auf der Bühne Jogginghose, Bierbauch und Polska-Fummel, es sieht aus, als stinke er. Nicht mein Humor, aber handwerklich allen Respekt! Als Roger spielt, verabschiede ich draußen die Eltern, es ist melancholischer, es passt kaum zu Comedy.

Nach nettem und lehrreichen Abschieds-Small-Talk-Fachsprech über Coaches, Rhetoriktraining, Auftrittsorte, Booker, Produzenten und den Werdegang Mario Barths, der sich jahrelang für 100 Euro am Abend den Arsch abgespielt hat, bevor er der Star wurde, der er heute ist, packe ich mein Auto und gehe noch einmal still über den Parkplatz, auf dem ich vor 10 Jahren ein recht naiver Punkrock-Fan war und heute selber von der Bühne komme. Der Hase sitzt wieder neben dem verwaisten LKW und sieht mich an, still, als sei alles gesagt. Dann sagt er: “Bis nächste Ostern”, und verschwindet in der Nacht.

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