Tourtagebuch – 15.03.2014 Leipzig, Buchmesse

Es ist ja so. Man könnte angeben. Damit, wen man angeblich ständig trifft auf so einer Messe. Man könnte sagen: “Ich habe Roger Willemsen getroffen.” Oder Ulrich Wickert. Dann machen alle große Augen, weil “treffen” bei einem Autoren heißt: Backstage getroffen. Aber was heißt das? Es heißt: Roger quetscht sich an mir vorbei im engen “Backstageraum” des MDR-Standes in der Glashalle, von wo aus live Sendungen übertragen werden, lächelt höflich und denkt sich: “Wer ist das denn, der komische Ziegenbart?” Während ich mir denke: “Wir haben den gleichen Verlag, Roger, aber noch nie geredet, weil ich nicht zu den Partys und Empfängen gehe.” Ulrich Wickert sagt derweil: “Ist das Ihre Tasche?” Die steht nämlich im Weg, meine Tasche. Dann räumt man sie kleinlaut weg und kann sagen: “Ulrich Wickert sprach mit mir.” Wobei das ein guter Buchtitel wäre. Oder ein Name für ein Lied von Tocotronic. “Ulrich Wickert sprach mit mir”. Der Mann, der vor mir am Mittag im Autorenforum liest, ist zwei Meter breit, trägt ein Eishockeytrikot und hat eine Stimme wie ein Subwoofer. Er – dessen Name ich leider vergaß und nicht mehr im Netz finde – hat ein Buch über seine radikale Vergangenheit als ehemaliger Neonazi, Eishockeypieler und, nun ja, heftiger Typ geschrieben und liest daraus gemeinsam mit seinem Verleger vor. Der Verleger ist eine Fliege gegen ihn. Physisch und stimmlich. Als er fertig ist, gebe ich dem Riesen die Hand und sage: “Du hast für mich schon jetzt die Stimme der Messe.” Er brummt dankbar und akzeptiert mich als Kollegen. Immerhin trage ich ein Fußballtrikot des Vfl Bochum. Das gleiche Leibchen behalte ich am Abend auf dem Podium des Stadtverordnetensaals im Neuen Rathaus bei meiner dritten Sputnik LitPop an. Dazu habe ich den Schal meines Heimatvereins SV Herbern über das Pult geschwungen, der fußballerischen Perle Westfalens. Der volle Saal tobt bei den sportlichen Anekdoten. Die LitPop ist ein Traum für jeden Performer. Das Publikum, das sich hier in die Reihen setzt, bringt die gute Laune immer schon automatisch mit. Mein Bühnennachfolger Götz Schartner berichtet aus der Welt der mangelnden Internetsicherheit und hackt mal eben nur als Beispiel problemlos die Mobiltelefone des Publikums. Das ist irgendwie noch beeindruckender als meine Hackentricks beim Fußball. Auch und gerade weil dabei keinem mehr zum Lachen zumute ist …

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