Tourtagebuch – 07.05.2014 Leer, Kulturspeicher (Überleben beim Fußball)

Alle machen irgendwas. Borussia Leer zum Beispiel wollte vor einigen Jahren richtig durchstarten. Größer werden. Aufsteigen. Den Platz erneuern. “Schließlich”, erzählt mir der Veranstalter, “haben sie sich von einem windigen Holländer den Rasen versauen lassen.” Alles musste neu gemacht werden. Als ich das letzte Mal in Leer war, ist mir vom Auto der Auspuff abgefallen. Bei voller Fahrt stemmte es den Wagen nach oben und rammte ihn wieder auf die Straße. Funken flogen. Das einsame Dorf einige Kilometer vor der Stadt bekam endlich etwas zu sehen. Sein Name ist mir entfallen. Beim Auftritt heute Abend im stimmungsvollen Kulturspeicher nenne ich es einfach “Nothing Gulch”. Die Atmosphäre des Speichers ist einmalig. Hier wird sonst Jazz gespielt, an der Wand hängen gerahmte Bilder arrivierter Quartette und Trios. Ein paar Amerikaner haben auf ihr Foto geschrieben: “What a beautiful place to live!” Für sie, so höre ich, ist eine ostfriesische Stadt mit Fachwerk und Kopfsteinpflaster wie ein Ausflug ins Fantasialand. “Good old Europe”, sagen sie immer, weil sie so etwas nicht kennen. Uralte Häuser. Schmale Gassen. Innenstädte. Das ZDF hat in Leer einen Samstagskrimi gedreht. Der ortsansässige Autor Klaus-Peter Wolf schreibt Romane, die in Friesland spielen und betreibt außerdem
Tatort Taraxacum – Buchhandlung, Café, Restaurant und Verlag. Alle machen irgendwas. Ich hingegen suche die Ruhe nach meinem ersten Vortrag. Morgen früh geht es im gleichen Raum weiter, dann sitzen dort, wo heute Erwachsene an Tischen über das Fußballkabarett lachten, 160 Teenager aus den örtlichen Schulen und lauschen in zwei langen Runden den Abenteuern von Finn. An der Ems hinter dem Speicher verläuft ein Bohlenweg entlang des Wassers. In einem idyllischen alten Kahn namens Old Lady ist noch Licht. Dämmerig, teakholzfarben. Ein Vogelkäfig baumelt in der Kabine, ohne Vogel. Das Wasser glitzert und flüstert.

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