Tourtagebuch – 08.05.2014 Leer, Kulturspeicher (Finn) | Hannover, Ahrbergviertel

Da sitzen sie. 160 junge Menschen zwischen fünfter und siebter Klasse, aufgeteilt in zwei Lesungen von je einer Stunde plus Fragen. Von der achten bis zur zehnten Klasse kann man sich die Fragen sparen, dann sind sie in dem Alter, wo Neugier als Schwäche gilt, außer sie betrifft die Frage, ob schon jemand das Handyvideo von Cheyennes Party online gestellt hat. Aber in der Siebten fragen sie. Wie man auf so was kommt. Was mein Lieblingsverein ist. Woher ich komme. Die Fünfer fragen noch mehr und außerordentlich putzig. Ein Junge will wissen, ob ich in Leer lebe. “Nein, nein”, sage ich, “ich fahre ständig durch die Gegend.” Die zwei Auftritte hintereinander stelle ich aus allen drei Bänden von Finn vollkommen verschieden zusammen. Es muss für mich selbst spannend bleiben. Hätte ich eine Band, würde ich meine Mitmusiker zwingen, stets alle (!) Songs aus dem Gesamtwerk parat zu haben, um jederzeit variieren zu können. Bevor ich Leer verlasse, spaziere ich erneut über die Bohlen an den Booten in der Ems vorbei. “Die Menschen leben da”, hat man mir zwischenzeitlich erzählt, die urigen Kähne an diesem Abschnitt des “Leerpfads” sind praktisch Hausboote.

Absolut kein Hausboot ist die Unterkunft, die ich viele Stunden später in Hannover betrete. Eigentlich wäre ich heute in Kiel, doch der Auftritt fällt aus, so dass ich mir in der Stadt der Scorpions und des Ex-Kanzlers, in der ich morgen spiele, für die heutige Nacht davor selbst ein Hotel gebucht habe. “Sortieren nach Preis, billigste zuerst” war mein Motto bei der Reservierung im Netz und so stehe ich nun im Treppenhaus eines Gebäudes, das nicht bloß das Hotel im Ahrbergviertel beinhaltet, sondern auch mehrere Sozialbüros und einige neurotische Zimmerpalmen im Treppenhaus, die depressiv geworden sind, weil sie aus dem Fenster auf einen Hof hinausschauen, der aussieht wie bei “Mad Max”. Der Frühstücksaal ist finsterer als ein Siebzigerjahrekrimi, in dem die Ermittler bauklotzgroße Brillen tragen, und das Zimmer ist mit “zweckmäßig” angemessen beschrieben. Es löst bei mir diese seltsame Dankbarkeit aus, die ich empfinde, wenn ich am untersten Ende der Preisspanne übernachte. Ich stelle mir dann vor, wie schlecht es die meisten Menschen auf der welt haben, vergleiche damit den Raum mit Bett, Heizung, kleinem Fernseher, Klo und Dusche und sage mir, als wäre es ein solcher Luxus wie woanders die Wellness-Oase: “Oh, sieh an, da steht noch ein Duschgel mit Kirschgeruch!” Im Fernseher debattieren Martin Schulz und Jean-Claude Juncker darüber, was sie jeweils zur Chefsache machen werden, falls sie Präsident der EU-Kommission werden. Ich drehe die Heizung auf, mummele mich ein und mache den E.T.: Nach Hause telefonieren. Dann schlafe ich über dem Geplapper der Politiker ein.

This entry was posted in Allgemein, Tourtagebuch 2014 and tagged , , , . Bookmark the permalink.

Comments are closed.