Tourtagebuch – 17.05.2017 Burkhart-Gymnasium, Mallersdorf-Pfaffenberg

Das 6000-Seelen-Städtchen Mallersdorf liegt im Tal der Kleinen Laber und trägt seinen Zweitnamen nicht von ungefähr. Schon bei der Anfahrt sieht man, wie sich auf dem Berg hinter der Stadt das wuchtige ehemalige Benedektinerkloster erhebt. Seit 1869 ist es kein Kloster mehr, sondern “Mutterhaus der Kongregation der Armen Franziskanerinnen von der Hl. Familie”, den “Mallersdorfer Schwestern”. Die dort oben gelegene Realschule und Fachakademie besuchen ausschließlich Mädchen. “Der ganze Berg gehört der katholischen Kirche”, erklärt mir Claudia Kamchen von der Stadtbibliothek. Für die drei wegen des Blitzeises ausgefallenen Auftritte im Januar hat sie ganze sechs neue gebucht. Sie ist die fleißigste Koordinatorin, die ich auf meinen bisherigen Schultourneen erlebt habe. Sogar die heiligen Schwestern auf dem Berg konnte sie vor einigen Jahren mal überzeugen, mit einem wunderbaren Kinderbuchautor den sakralen Berg zu erklimmen, um die jüngsten Realschulklassen zu besuchen. Die Nonnen schauten sehr perplex, denn sie hatten eine Autorin erwartet. In ihrer Welt scheint es offensichtlich Autorinnen mit dem Vornamen “Heiko” zu geben.

Das Gymnasium, in dem ich Finn aufführe, liegt zwar eher am Fuße des Berges, trägt seinen Namen aber auch wegen des ersten Abtes, der das Benediktinerkloster von 1109 bis 1122 leitete. Am Eingang hängt das übliche Schild “Schule ohne Rassismus. Schule mit Courage.” Ich frage mich, ob es irgendwo eine Schule geben könnte, die garantiert “mit Rassismus” und “ohne Courage” arbeitet. Der Blick aus der angenehm hellen Aula fällt beim Vortragen über die Köpfe der Kids direkt ins Tal. Ich muss an Tiroler Apfelbaumplantagen denken, außerdem an Flussotter und Katamarane, Gott weiß, warum.

Helle Aula

 

Vorr den mit kristallklarer Aufmerksamkeit gesegneten Sechstklässlern baue ich das erste Mal nach all den Jahren einige Szenen rund um die Geldnot von Finns Eltern ein. Wie der kackfreche Romanheld an der Tür den Spendensammler vom Zirkus vertreibt, macht sehr viel Freude zu spielen. Die Fragen in der Fragerunde erklimmen die Top 5 der bislang klügsten und reflektiertesten Fragen dieser Altersklasse auf allen meinen Reisen. Vom Klosterberg muss jeden Tag Gedankenschwere wie ein feiner Film auf diese jungen Köpfe regnen. Ein Junge fragt mich, klar und geradeheraus: “Was ist ihr Ziel im Leben?” Ich spreche vom Reisen, vom Sehen der Welt, vom Verfilmen der Finn-Romane, und denke mir zugleich, dass Harald Schmidt in einem seiner jüngeren Interviews mein aufrichtigstes Lebensziel perfekt auf den Punkt gebracht hat: “Privatier mit abgeschlossener Vermögensbildung.”

 

Blick ins Tal

 

Da die nächste Schule wartet, muss ich die Fragerunde nach 30 Minuten abbrechen. Den neugierig gereckten Fingern nach hätte sie noch zwei Stunden weitergehen können. Die Lehrerin verabschiedet mich mit den Worten, die ich nach Auftritten in Schulen am allerliebsten höre: “Ich glaube, ich habe meine nächste Klassenlektüre gefunden!”

 

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