Tourtagebuch Reloaded – 10.04.2007 Dortmund, Sissikingkong

Sissikingkong. Abend am elektronischen Kamin, organisiert von Wolfgang Kienast aka Martini, einem meiner Helden, spätestens seit der Reportage “Der vergessene Fürst”, die ich im Magazin public über ihn und seine Leidenschaft verfassen durfte. Diese heißt Anton Ulrich von Wolfenbüttel und war ein barocker Herzog, der sich im 17. Jahrhundert das “deutsche Versailles” auf die Wiese stellte – aus Holz, weil er für Stein keine Kohle hatte. Das Schloss, dessen Verfall auf lange Sicht sicher war, wurde zu einem kulturellen Zentrum in Europa, Anton Ulrich zu einer Art frühem Humanisten, der Kunst und Lebenskultur dem Waffengang vorzog. Kienast beschäftigt sich nun schon seit drei Jahren mit diesem Thema, reist nach Wolfenbüttel zur Germanisten Frau Dr. Munding, die mit 76 noch die historisch-kritische Ausgabe von Anton Ulrichs Schriften herausgibt und einmal angefacht stundenlang ohne Unterlass erzählen kann oder schreibt barocke Originaltexte wegen Kopierverbotes in der Bibliothek per Hand ab. Das Tolle daran: Kienast macht das weder fürs Studium noch für Buchveröffentlichungen oder spektakuläre Einspieler bei Galileo. Er macht es für sich. Seine Erkenntnisse stellt er auf seine Website ekamina.de, ab und an platziert er mit Kollegen einen Beitrag im WDR, schon zwei Spielfilme hat er in Wolfenbüttel gedreht, Lo-Fi, zur Vorführung in seiner kleinen Bar.

Wie passend daher, dass ich ausgerechnet in dieser erstmals in längerer Form mit dem Publikum in die Welt des dritten Hui-Romans “Wandelgermanen” hinabsteigen darf, denn die Welt dieses Buches ist ebenso skurril wie das Leben des passionierten Kienast oder sein Kellerclub, dessen Bühne mit psychedelischen 70er-Papiertapeten ausgekleidet ist und dessen Technik heute bis auf den Sound standesgemäß streikt. Es ist ein toller Abend, viele Kollegen sind da, alte Freunde tauchen auf, “Medienpartner”. Das Lokalradio befragt mich, die WAZ verabredet sich, ein Zuhörer stellt die unvermeidliche Frage: “Gibt es Hartmut wirklich?” Ich erzähle das erste Mal von der Zeit in meinem Leben, in der ich arbeitslos war und etwas tat, das der im besten Sinne fruchtlosen Forschung Wolfgang Kienasts an Anton Ulrichs Historie entspricht: Ohne Gepäck und mit nur wenig Geld in irgendeinen Zug steigen, in Deutschlands allertiefste Provinz fahren, aussteigen und gehen. Einfach nur gehen. Irgendwohin, querfeldein. Fallen. Beobachten. 10 Euro bezahlen für einen Pennplatz in der Scheune oder 25 für einen in gruseligen Zimmern über Kneipen, die Teutonia, Jägerklause oder Fuchsbau heißen. Zwecklos leben, sich von allem lossagen, dass “etwas bringt”. Psychedelischer kann keine Droge sein. Was genau mir passiert ist und was genau ich aus den Wandelgermanen gelesen habe, verrate ich hier nicht. Wer das schon vor Erscheinen des Romanes Ende Juli hören will, sollte zu meinen Lesungen kommen. Manche Dinge müssen gesagt werden, von Auge zu Auge.

Als sei der Abend nicht schon schummrig und merkwürdig genug gewesen, passieren mir schließlich noch zwei Dinge, die mich wieder an die Matrix glauben lassen. So erzählt mir ein Geschäftskollege, der das erste Mal eine Hui-Lesung besuchte, dass es den fahrradfahrenden Drogendealer aus “Closeline” in Bochum wirklich gab, früher. Der fuhr tatsächlich mit dem Drahtesel in der Bahnhofsregion herum; meinem Kollegen hat er in wilden Tagen eine halbe Bierflasche in die Hand gerammt. Ich wusste das nicht. Ich habe einen Dealer erfunden, der erst jetzt in meine Wirklichkeit trat. Im Auto nach dem Auftritt mache ich dann den Fernseher an und höre eine Talkshow, in der exakt in dem Moment, wo ich einschalte, ein Zuhörer anruft, den ich noch als Autor von meiner ehemaligen studentischen Lesebühne kenne. Es ist, als spräche er zu mir, als säße er auf der Rückbank, als hätte er auf mich gewartet, Jahre lang, mit seinem Hut und seinem alkoholgetränkten Radikalismus, mit dem er früher Platten aus dem 11. Stock des Wohnheims warf, weil sie ihn aufregten. Ich höre ihm zu, wie er spricht, dann antwortet ein Beratungspsychologe, der wie eine Mischung aus Heinz Sielmann und Eugen Drewermann klingt. Ich beschließe, dass es die Sendung, die ich da gerade höre, nicht geben kann. Dass nur ich sie höre. Die Tatsache, dass sie weitergeht, obwohl ich das Radio ausschalte, bestätigt meinen Verdacht. Ich bin müde. Meine Süße wartet. Mein Magen knurrt. Mein Radio läuft, unausschaltbar. Im Heck stapelt sich Leergut.

This entry was posted in Tourtagebuch 2007 and tagged . Bookmark the permalink.

Comments are closed.