Tourtagebuch Reloaded – 20.04.2007 Saarbrücken, Sparte 4

In meinem derzeitigen Leben habe ich wenig Zeit. Oder sagen wir so: Ich setze die Prioritäten anders. Vor gesunder Ernährung, Sport oder dem Abheften der Steuerpapiere schieben sich immer wieder Texte, die gerade ganz dringend zu schreiben, Ideen, die zu notieren und Interviews, die vorzubereiten sind. Darunter leidet auch die Körperpflege und so landete ich mit meinem ebenso ungepflegten Renault am späten Nachmittag in Saarbrücken und sah aus wie ein Waldschrat. Seit fünf Wochen unrasiert, hatte sich an den Wangen und auf dem Kopf ein wildes, an beiden Stellen ungefähr gleich langes Gestrüpp entwickelt. Meine Fuß- und Fingernägel konnte ich bereits als Waffen einsetzen, scharf und lang wie Klingen.
Nun ist es so, dass ich die kurze Verschnaufpause zwischen Ankunft und Auftritt in Hotels dazu nutze, genau das zu ändern. Andere zerstören auf Tournee Hotelzimmer, ich nutze sie, um mich schamlos zu scheren und meine Nägel in bester Ekel-Alfred-Tradition durch die Gegend zu schnipsen. Dabei schaue ich Zoosendungen im WDR. Nach einer Stunde intensiver Pflege wieder unten an der Rezeption, erkannte mich der Portier der verhuschten, aber charismatischen 2-Sterne-Absteige mit Pool nicht wieder. Aus seinem Radio Baujahr 1954 dudelte der Lokalfunk. Auf meinem Hartmut-Live-Trikot wehten die sich festklammernden Katzenhaare.

Die Sparte 4 ist die Rock’n'Roll-Ausweitung des Saarbrücker Staatstheaters und der heutige Veranstalter Christoph Diem eigentlich Dramaturg an der großen Bühne. Er inszeniert Uninszenierbares wie “Wallenstein” und die Nibelungen, er hat schon Kleist gemacht, er hat für die Lesung zum Auflegen neue Platten von Modest Mouse und Sonic Youth als Vinyl gekauft. Kurzum: Er ist ein kulturelles Schwergewicht. Umso mehr bin ich geschmeichelt, dass er – der Comedy und Kabarett ebensowenig mag wie klassische Popliteratur – die Hartmutwelt als ebenso “bös wie komisch” schätzt und biete ihm, seinen netten Kollegen vom Theater, einem sehr tollen Publikum und einer wie aus dem Nichts auftauchenden Ex-Freundin eines guten Freundes aus der Heimat eine Show, die sich gewaschen hat. Ich improvisiere wie Sau, ich gröle Dialekt, ich spiele die Dialoge, als wolle ich mich hier selbst für das Theater bewerben und ich lese erstmals live die Geschichte “Großer Lärm” aus Voll beschäftigt, weil die Theaterleute sie formal wie inhaltlich so überaus gelungen finden. Danach rufe ich meine Süße an und prahle wieder, was für ein überaus geiler Hengst ich bin. Die Sparte 4 gefällt mir dabei sehr gut, eine stilvolle Mischung aus Trödelmöbelschick und Industrieästhetik, deren perfekt sauberes Klo beweist, dass das Alte hier Absicht und nicht AZ-Siff ist.

Ohnehin: Das Alte. Das Schwimmbad im Hotel ist so düster wie verlassene Schulschwimmbäder der 80er und hat auch dieselbe Einrichtung, von den Matten bis zum blauweißen Haarföner aus der Kindheit. Die Möbel auf dem Zimmer haben in den 70ern schon in die Triefaugen Derricks geschaut, der Fernseher hat kein Pay-TV, die Dusche nur einen Vorhang und einen Brausekopf aus Plastik. Trotzdem fühle ich mich recht wohl, denn das Hotel Meran arbeitet nicht lieblos. Die Rezeption ist immer besetzt, das Licht im Pool machen sie für mich schon um 6:30 Uhr morgens an, das Frühstück ist exzellent. Nur die Einrichtung folgt halt dem Motto: Warum wegschmeißen, was nicht von selbst zusammenfällt? Es würde passen, in diesen Zimmern an den Fernseher überall uralte Konsolen aus 8 bis 16Bit-Zeiten anzuklemmen. NES, Master System, Mega Drive, PC-Engine. Es wiegt mich in einen unruhigen Schlaf, indem ich davon träume, als Bundeskanzler eine Altgerätequote von 50% aufrechtzuerhalten und Werkstätten und alte Meister, die heute noch Opel Asconas und große, klobige Fernseher reparieren können, zu subventionieren.

Auf der Heimfahrt höre ich SWR 4, einen Schlagersender, und erinnere mich wieder daran, dass es wirklich einen kleinsten gemeinsamen Nenner gibt. Was für “uns” eine Nische ist, verkauft Millionen, wie Kreuzworträtselhefte und Speisekartoffeln. Zwischen Gartentipps, die wie Orangenhainluft ins Auto wehen, singt jemand einen herrlichen Konjunktiv und spricht im Text eine Frau an: “Wenn ich du wär, tät ich den Typen küssen.” Später geht es sogar rauf auf die Meta-Ebene. “Wenn ich du wär, tät ich, was Schlagersänger tun.” Heiliger Bimbam, soviel Spitzfindigkeit habe ich noch auf keiner Metallica-Platte gehört. An einem Rasthof in der Eifel mache ich Notizen zu diesem Tagebuch und vier Romanen, außerdem einem Theaterstück, indem Kleist sich in der Gegenwart als Schlagerproduzent durchkämpfen muss. An roten, engen Tischen sitzen zwei Hooligans und ihre Frauen und trinken friedlich Kaffee aus Bechern, die in ihren Händen so klein wie Fingerhüte wirken. Die E-Jugend des FC Metz tobt auf dem Parkplatz herum und fragt mich, ob ich in Zeiten des Internets nicht ihr Pressesprecher werden will. Ich sage zu, weil ich nicht nein sagen kann, denke mir ein Konzept aus und bestelle drei weitere starke Kaffee.

This entry was posted in Tourtagebuch 2007 and tagged . Bookmark the permalink.

Comments are closed.