Tourtagebuch Reloaded – 26.04.2007 Krefeld, Hochschule Niederrhein

“Es ist ja so: Ich höre ja jetzt WDR 4″, sage ich, als ich in der Hochschule Niederrhein in der blitzsauberen Bibliothek Technik in Gebäude G vor einem gut gelaunten Publikum sitze, einen Kaffee vor mir, die Leinwand hinter mir und ein schniekes Headset vor dem Mund. Drei Hardcore-Jungs mit kurzen Armyhosen und T-Shirts von Walls Of Jericho und Sick Of It All fragen wie aus der Pistole geschossen: “Ab wann?” Ich lächele. Die drei sind sowieso die besten, für sie lese ich extra “Scheiß Staat” mit den Moshpit-Szenen und reite den ganzen Abend auf der Kultur des Violent Dancing herum, frage, ob wir das mit 60 Jahren als alte Herren in der Tanzbar zum Geburtstag auch noch machen und erzeuge jede Menge Lacher, weil ich mich ständig darüber beschwere, wie anstrengend es ist, für den VISIONS-Soundcheck unablässig Gruppen mit Namen wie Bleed The Dream oder Born From Pain über sich ergehen zu lassen. Daher jetzt: Schlagerzeit, WDR 4. “Ab wann?”, fragen die Hardcore-Jungs und outen sich damit als Kenner, denn ab dem frühen Abend traut man bei WDR 4 seinen Ohren nicht. Beatles, Bill Haley, Elvis, Chansons, smoother Jazz und elegantes Gentleman-Easy-Listening Marke Bert Kaempfert. Erfahren habe ich das am Mittag, als ich auf der Terrasse des Dom-Hotels in Köln Götz Alsmann für die “Das Plädoyer”-Rubrik in GALORE interviewte und er für eine Rückbesinnung auf den eleganten Song plädierte, den Jazzschlager der 20er bis 60er, den Chanson, die Songwriter. “Ein Riff ist noch kein Song”, sagte er, “und es ist tatsächlich so, dass WDR 4 der einzige deutsche Sender ist, auf dem man noch die Beatles hören kann. Oder alten Rock’n'Roll der 50er.” Seither überprüfe ich das und sehe die Welt mit anderen Augen (das geht schnell bei mir, aber auch schnell vorüber) und höre WDR 4. So ist das.

Ein Autor wie ich kann übrigens von den guten Schlagern lernen, denen, die Alsmann ausgräbt und neu arrangiert etwa. Humorvollen, charmanten Teilen mit Rollenrede und ironischer Distanz, aber ganz ohne Arroganz, geschrieben von Altmeistern, die, so Alsmann, “ein gigantisches Repertoire haben”, die bei Schönberg studierten, die alles schreiben könnten und dann die Kunst des komplex Einfachen wählen, raffinierte kleine Lieder, die grooven und swingen wie Sau und unbemüht klingen, weil ihre Macher einen Horizont haben, “der den der meisten Rockbands weit übersteigt”. Bei Alsmann heißt das: “Easy Listening nicht auf die leichte Schulter nehmen”, bei mir heißt das: “Easy Reading, das es sich selbst nicht, aber dem Publikum leicht macht. So überspringe ich in dem skurril-abgelegenen und gut besuchten Unigebäude noch mehr beschreibenden Text als sonst, improvisiere fast 40% meines Auftritts mit Anekdoten aus meinem Leben und Insidertipps aus der Medienbranche und straffe Storys wie “Scheiß Staat” oder “Weinen mit Hartmut” fast komplett nur auf ihre Dialoge zusammen. Wie ein Arrangeur, der dir auch 9 Minuten solo in die Fresse hauen könnte, dann aber doch direkt in den Refrain geht. Das macht Spaß, besonders in Kombination mit der Psychedelik meines nächsten Romans, aus dem ich auch heute erste Szenen vortrage. Die netten Leute von der Thaliabuchhandlung verschenken derweil von mir unterschriebene Hartmut-Taschen, die sie als Buchhändler noch in 50er-Auflage vom Verlag gratis bekommen hatten und ich freue mich, weil die besten Freunde meiner Eltern, die mit ihnen da sind und mich das letzte Mal als 14jährigen Performer auf Geburtstagen gesehen haben, sichtlich beeindruckt sind und meinen: “Das ist nicht mehr der kleine Olli” sowie “Ich habe zwei Stunden lang keine Sekunde ans Rauchen gedacht, so unterhaltsam war das.”

Nach der Lesung laufe ich über den menschenleeren Campus und mache Geräusche wie “schlibb schlibb schlibb” ins Telefon, was meiner Süßen und meiner Liebescodes sind, und höre auf der Heimfahrt wieder WDR 4. Klaus Lage singt in “Zug um Zug” von der Klimakatastrophe. Patrick Lindner singt auf seinem neuen Album vom Umweltschutz. Ich frage mich, wofür wir noch U2 und Rise Against brauchen. Da auf der A42 zu meinem Erstaunen komplett keine Raststätte existiert, stürze ich kurz vor der Heimat in ein McDonalds und ramme meine Zähne ohne Vorankündigung in die Pommestheke, ziehe den gelbknusprig verklebten Schädel wieder raus, öffne die Kühlschranktür, reiße vier kleine Salate auf, schütte sie in meinen Schlund, spüle mit Cola nach, lege 20 Euro auf den Tisch und gehe wieder, ehe Justin Timberlake in den Boxen fertig hat. Der ist sowieso ein Neutrum, das ein echter Mann wie Klaus Lage in der Falte seiner Schimanski-Jacke papierisieren kann, geschweige denn von Bert Kaempfert. Mann, bin ich überarbeitet.

PS: Danke noch mal an die Hochschule Niederrhein für das Engagement; wo manche Clubs in großen Städten nicht ein einziges Plakat aufhängen und dann nörgeln, weil Uschmann kein Publikum zieht, lockt ihr fast 60 Zuhörer und Innen in ein Gebäude, das man ohne McGyver-Ausbildung kaum finden kann. Respekt!

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