Tourtagebuch Reloaded – 14.05.2007 Kassel, K19 (mit Nagel und Linus Volkmann)

Linus kommt in Trainingsjacke über den Parkplatz des K19 geschlurft und umarmt mich. Wir haben uns zuletzt vor rund sechs Jahren gesehen, damals hatte meine Literaturinitiative ihn noch an die Ruhr-Uni eingeladen, jetzt touren wir gemeinsam mit Muff Potters Nagelv durch Deutschland. Was heißt touren: Wir sind gerade mal zwei Termine lang als Trio unterwegs, aber diese 48 Stunden fühlen sich wie zwei Wochen an. Mit Nagel und Linus zu touren ist wie eine Band-Tournee – extrem viel Alkohol, Austausch über andere Künstler und die Lage des Geschäftes, pubertäre Albereien und unablässiges Anhalten an Raststätten, um den berühmten “muss was haben”-Drang zu befriedigen, der bei mir in Unmengen überteuerten Koffeins, bei Linus in Hamsterkäufen von Bravo, Popcorn, Yam!, Bildzeitung und Panini-Stickern mündet. Ich bin in diesen zwei Tagen die “Tourneeleitung”, von der auch Nagel in seinem Roman Wo die wilden Maden graben so köstlich zu berichten weiß. Ich bin streng, ich habe das Auto und ich habe selbst noch dann die Übersicht, wenn ich mitsaufe. Das Bechern geht schon auf der Bühne los. Nagel und Linus leeren eine Flasche Jägermeister, ich trinke aus Protest gegen die von Fremdgänger Horst Seehofer und Bronchialpatientin Ulla Schmidt ausgerufene Gesundheitsdiktatur vergorenen 49-Cent-Tetrapak-Wein aus einer Plastikpulle, um mein Recht auf Selbstzerstörung zu betonen. Wir sitzen wie der Vorstand des alternativen Kulturkartells aufgereiht auf der Bühne, die Hartmut-WG hinter uns, und spielen uns die Bälle zu. Unterbrechen, kommentieren, sich ins Wort fallen, sich necken, sich über die Storys des Anderen selber scheckig lachen. Beziehungsweise: Über dessen Vortrag. Nagel macht aus seinem guten Buch live ein grandioses, pumpt es mit Dialekt, Ironie und Dynamik aus, die man nicht lesen kann, sondern hören muss. Linus trägt die Nerdgeschichten von Robbe & Bürzel oder dem gescheiterten Musikpromoter Gärtner, der mit 30 wieder bei den Eltern einziehen muss, in einer derart genial heruntergenölten Lesart vor, dass ich mich im Nebel meines 49-Cent-Fusels kaum halten kann. Nachdem der Veranstalter irgendwann gegen Mitternacht aus fern versteckten Kassen die Gagen gehol hat, die er nur bei gleichzeitigem Exen eines Pinnchens Wodka auszahlen will, schleppen uns Freunde Nagels noch in die Beatbar, einem kleinen Schuppen mit finsteren Gestalten aus dem Eightball- und Flammenhemdkatalog, in dem ein DJ hinter einem grotesk kleinen Pult brüllend laut Ministry, Millencolin und Murder City Devils hintereinander auflegt, während eine betrunkene Frau alleine herumtanzt und Nagel uns zum Konsum von seit der Oberstufe nicht mehr genossenem Tequila zwingt. Seine Bekannte wird diese Nacht 33 und war Juristin bei Endemol; durch die völlig übersteuerte Musik hindurch erzählt sie uns brüllend von den Knebelverträgen, welche die Kandidaten von Big Brother unterzeichnen müssen. Es ist hochinteressant, doch irgendwann kommen in der dicken Luft aus Lärm, Nikotin und Alkohol nur noch dickflüssige, brackige Soundklumpen in den Ohren von Linus und mir an, die wir all das nicht so sehr gewohnt sind. Um 2 Uhr beschießen wir, zu gehen und ziehen einen wankenden Nagel hinter uns her. “Ich weiß, wo es langgeht”, behaupte ich als Tourneeleitung und steuere mit vom Alkohol unterstützter Selbstgewissheit in die grobe Himmelsrichtung unseres locker noch vier Kilometer entfernten Hotels. In einer Dönerbude erspäht eine merkwürdige Frau, die in Tatort-Krimis die Provinzwirtin spielen würde, uns drei desolate Gestalten und sagt, wir sollten mal mit in den Hinterhof kommen, sie könne uns ja nach Hause fahren. Linus ist überzeugt, dass es sich um eine betrunkene Prostituierte handelt, die uns gleich komplett ausnehmen wird und wankt mit seiner Falafel dennoch hinterher; ich als Tourneeleitung verstehe, dass sie tatsächlich selbständige Taxiunternehmerin ist und sehe langsam Land. In einem blauen Taxi holzt sie mit uns quer durch Kassels Baustellen und fragt uns, wie unser Abend  war. Wir erzählen, dass wir im K19 aufgetreten sind und Nagel grölt ein deftiges: “Wir waren beschissen!” durch das rasende Gefährt. Er meint es nicht so. Als ich die beiden ins Bett gebracht habe und endlich selbst loslassen darf, schlurfe ich noch ein wenig durch das Viertel, setze mich dann um 3 Uhr nachts in den nach Feng-Shui-Prinzipien eingerichteten Steingarten, lehne mich seufzend zurück und werde von einer Wühlmaus angesprochen, die um diese Zeit ihre Mittagsschicht hat. “Anstrengend?”, fragt sie.
“Geht gerade erst los”, sage ich.
“Frühstück um 9?”, fragt sie.
“Spätestens”, antworte ich.
Um 8:30 Uhr sitze ich im Frühstücksraum.
Um 10:30 werfen wir Nagel aus dem Bett, der schon in vier Stunden in Frankfurt sein muss und den gestrigen Abend zur Hälfte vergessen hat. “Am ersten Tourtag schädele ich mich immer weg”, wird er uns später erklären, als sei dies keine Sache der freien Wahl, sondern unausweichliches Schicksal.

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