Tourtagebuch Reloaded – 15.05.2007 Erlangen, E-Werk (mit Nagel und Linus Volkmann)

Die Fahrt nach Erlangen wird auf der Hälfte des Weges unterbrochen, weil Nagel beim Sender You FM eine Radiosendung aufzeichnen muss. Linus und ich verbringen die 90 Minuten damit, das zu tun, woran man Medienschaffende sofort erkennt: Panisch umherlaufen und einen “Hotspot” für’s Internet suchen, ans Handy gehen, Kaffee aus “To-Go”-Bechern trinken. So sind wir. Es ist unmöglich. Ich parke den Renault falsch und muss diskutieren, Linus tobt im Hintergrund durch Büsche und muss seinem Chefredakteur irgendwas ausreden, mit der linken Hand hält er dabei den Laptop in die Luft, um Netz zu fischen. Ich besteche den Mann, der behauptet, dass ihm in Frankfurt alle Parkplätze gehören, mir ist alles egal, ich habe Säureanfälle im Magen vom Saufen letzte Nacht und bin immer noch in Aufruhr, weil ich kurz nach der Abfahrt in Kassel bei Regen und Aquaplaning fast eine Carambolage verursacht habe. Beruhigen kann mich nur meine Süße am Telefon und die Tatsache, dass wir kurz vor Erlangen die letzte Fahrtstunde lang die Interviews anhören, die Frank Laufenberg für die Peter-Maffay-Audiothek mit dem Großmeister des Deutschrock geführt hat. Es gibt nichts Beruhigenderes auf dieser Welt (außer Drei???-Kassetten und Bob-Ross-Sendungen), Maffay redet väterlich und ohne jede Ironie über sein Kellerstudio, Harley Davidson, Kris Kristofferson, Tony Carey und all die anderen erdigen Mitmusiker und Inspiratoren sowie “die tausende von Autobahnkilometer” und “den Blues” aus Alkohol, Drogen und Frauen, “der nicht sein muss, den man aber irgendwann doch auslebt, weil es dazugehört”. Nagel hört gebannt zu und kann es selbst nicht fassen, wir haben so einen Spaß daran, dass wir in Erlangen augenblicklich wieder anfangen, zu trinken und uns in dem sehr edlen, riesigen Club mit echtem Backstage ein wenig wie maffayeske Rockstars fühlen. Heute gibt es keine Leinwand, aber dafür zwei große Plasma-Fernseher, die wie Zepter links und rechts neben unserem Vorstandspodium stehen, ich habe eine Anlage direkt neben meinem Stuhl und werde während der Lesung Stockhausen und anderen Avantgarde-Lärm einspielen, Nagel gibt Interviews, Linus lümmelt hinter der Bühne auf der Ledercouch und ist leidlich. Linus’ Leidlichkeit ist legendär, er kann kongenial jammern, wie hart der Tour-Blues ist und dass er gar nicht weiß, wie er das alles durchhalten soll, dabei nimmt er noch einen Drink. Auf der Bühne ist er heute absolut genial und liest eine Geschichte aus einem Sammelband über Kölner Clubs. Ich behaupte, in seiner Literatur kämen Expressionismus, Franz Marc und Poststrukturalismus zusammen, er tut so, als verstünde er nicht, was Uschmann rede und neckt mich, weil ich viel zu akademisch bin und außerdem zu professionell mit meiner aufwendigen Homepage, dem ganzen Merchandise und meinen 62 Berufen. Ich höre weiter genau seinen Geschichten zu und verkünde, dass in “King Cobra” oder seiner Story über das Stereo Wonderland Georg Heym, Trakl und Jakob von Hoddis reanimiert werden. Ich bin sehr übermütig auf dieser Mini-Tournee, auch wegen des Tetrapakweins. Trotzdem habe ich weiterhin die Übersicht. Nach der Lesung erzählt mir meine Süße, dass die Redaktion von public einen Essay von mir überarbeitet sehen will. Das wollen sie schon den ganzen Tag, aber ich konnte nun mal nicht ins Internet, also hocke ich mich um 0:55 mit angeschickertem Schädel in das Büro des Veranstalters und redigiere munter Artikel. Menschen wir wir haben nie Feierabend, Menschen wie wir haben Internet. Gegen 2 Uhr sind wir endlich im Hotel Mercure, einem recht noblen Schuppen. Ich brate gerade vor lauter Erleichterung einen flotten Otto in die Keramik, als mein Handy klingelt. Ich stelle mich darauf ein, bis 6 Uhr noch eine Reportage über die Lage der Popkultur in Litauen verfassen zu müssen, doch es ist keiner meiner Arbeitgeber am Telefon, sondern Nagel. “Du kommst jetzt runter, wir müssen noch einen an der Hotelbar trinken, zum Tourneeabschluss.” Ich gehorche und so picheln wir noch einen Whiskey an der kleinen Bar, nur der ostdeutsche Wirt ist da und zwei Manager, die leise quasselnd an einem Stehtisch hocken, rauchen und diese Seriösität ausstrahlen, die einerseits alles im Griff hat, andererseits immer bei Prostituierten endet. “Uhhh, ich weiß nicht, wie du dieses Leben auf Dauer aushältst”, bewundert Linus den Rockstar Nagel und jammert weiter: “Und ich weiß nicht, wie ich diesen Whiskey auch noch schaffen soll.” Ich schaue mir die beiden an, den tätowierten Profi-Tourer und den verschmitzten Intro-Redakteur, dessen Romane zum besten gehören, was der postmoderne absurde Realismus hervorgebracht hat, und sage: “Ihr wisst aber schon, dass es kein Naturgesetz ist, dass man auf Tournee durchsaufen muss?” Die beiden sehen mich an, als wäre ihnen der Erlöser erschienen. Ein bläuliches Licht erscheint über der Bar, wo kopfüber die Pilsgläser hängen, spielt in ihren Stielen und verschwindet mit einem sinfonischen Akkord. “Ei der daus!”, sagt Linus, stürzt den Whiskey herunter, zapft sich, als der Wirt weg ist, ein letztes Gratisbier und geht nachdenklich mit Nagel aufs Zimmer. Die Tourneeleitung hat schließlich das Einzelzimmer bekommen. Gegen 3:30 Uhr falle ich in ein Koma.

This entry was posted in Tourtagebuch 2007 and tagged , , . Bookmark the permalink.

Comments are closed.