Tourtagebuch Reloaded – 22.05.2007 Lüneburg, AStA-Wohnzimmer

Die Hinfahrt zeigt, dass ich mir die Sitten der Minitournee vor einer Woche noch nicht ganz abgewöhnt habe. Unablässig halte ich an und “muss was haben”, vor allem Koffein und Süßigkeiten wandern im Tausch gegen Münzen in meinen Schlund, noch angestachelt von den 50-Cent-Gutscheinen der Sanifair-Toiletten, die ich ständig aufsuche. Es ist heiß und die Autobahnen sind voll, ich bin unleidlich, ich habe kaum Lust. Trucker rammen ihre Zähne in bräunliche Braten, Mütter beruhigen ihre Kinder mit Nogger Choc, junge Männer in bemüht lustigen T-Shirts kicken Plastikfußbälle quer über die Parkplätze. Zwei Stunden vor der Ankunft erfahre ich von meinem Booker, dass Lüneburg “Privatübernachtung” ist und da ich selber früher Uni-Veranstalter war, weiß ich, was das heißt. Man muss warten, bis der Gastgeber fertig zum Gehen ist, man redet bei Bier und Wein bis zum frühen Morgen, man schleicht um 4 Uhr nachts in Unterhose durch eine fremde Wohnung. Ich kann das nicht mehr, mir bricht der Schweiß aus, ich spüre das erste Mal, wie sehr ich nach Lesungen ein eigenes Zimmer ohne Menschen brauche, mit einem eigenen Schlüssel, der es mir ermöglicht, mitten in der Nacht noch ein- und auszugehen und Spaziergänge durch die Stadt und angrenzende Wälder zu machen. Ich fahre in Lüneburg ein, scheuche am Bahnhof ganze Schwärme von je 200-300 Soziologie studierenden Radfahrern auf, finde ein kleines Hotel über der Bar “Cafe Talk” und nehme ein Zimmer für 49 Euro, in welchem die Dusche wie ein Holzschrank eingebaut ist und das Klo auf dem Flur wartet. Beruhigt fahre ich zum Campus und finde das Gebäude 9 inmitten blitzsauberer Wege und symmetrischer Kameraden. Anti-G8- und Anti-Gebühren-Betttücher hängen aus den Fenstern, auch ein gelbes Laken, auf dem ich angekündigt bin. Der Eintritt ist sehr niedrig und schon um 18:30 Uhr sind zwei Dutzend junge Menschen da, die eifrig aufbauen und auch schon als Mitglieder des AStA-Kulturreferates zu erkennen wären, trügen sie nicht T-Shirts mit gleichnamigem Aufdruck. Ich weiß das, denn meine ehemalige Uni-Kulturgruppe sah optisch fast genauso aus, wäre ich Wolfgang Schäuble, würde ich von der “typischen Physiognomie” linker akademischer Kulturgruppen sprechen und Geruchsproben nehmen, zumal hier überall auch Anti-G8-Broschüren rumliegen. Ich werde wunderbar umsorgt, bekomme Brötchen, Drinks, perfektes vegetarisches Essen mit herrlicher Erdnusssoße. Ich esse, lese die Campuszeitung und sehe, dass auch hier alles wie immer ist. Die Uni soll umgestaltet werden, “wettbewerbsfähig” gemacht, und das bedeutet nicht etwa mehr Dozenten oder bessere Lehre, sondern Planierung eines süßen Biotop-Gartens zur Errichtung eines angeberischen, von Daniel Libeskind entworfenen Audimaxes samt Tiefgarage (!) und Nobelhotel (!), wäre es nicht real, dächte man, es hätte ein schlechter Dramaturg als Sozialkritik mit dem Holzhammer erfunden. Dass die neue Uni auch noch eine Image-Kampagne von der Werbeagentur bekommt, für die ich einst in Berlin arbeitete, setzt dem Fass die Krone auf. Derlei ideologisch gestärkt, ziehe ich auf der Bühne vom Leder, wettere gegen die Reformen und das Killen von Biotopen und trinke dieses Mal im Rahmen meiner Aktion gegen die neue Gesundheitsdiktatur nicht billigen Wein, sondern unfassbare Chemie-Limonade aus dem 5-Liter-Kanister zu 99 Cent. Außerdem werfe ich Werthers Echte in die Menge. Meine schlechte Laune ist verflogen, ich performe übermütig vor vollem Haus, wandere durch die in satten Farben projizierte WG und lege in der Pause CDs auf. Ich spiele Stockhausen vor. Ich habe Bock. Nach der Lesung machen die eifrigen Menschen vom AStA tatsächlich mitten in der Nacht ihre Sitzung. Es wäre also spät geworden mit der Privatunterkunft, nur, dass sie doch auf den letzten Drücker ein Hotel gebucht hatten, was ich nicht mehr mitbekam. Der Witz: Es war genau das, das ich am Bahnhof auf einem Stadtplan erspäht hatte und als zweites aufsuchen wollte, wäre mein Holzduschen-Kabuff ausgebucht gewesen. Man sollte auf die Zeichen hören. In der Nacht spaziere ich vom Hotel aus durch die Stadt und bin völlig hin und weg. Alte Häuser, Kanäle, oranges Licht auf rustikalen Mauern, Piraten in Spelunken-Eingängen, ein alter Holzkran und hunderte modellierter Fische auf Stäben im Wasser und an den Laternen, die hier als Kunst im öffentlichen Raum Leitmotiv sind und von Kindern bemalt werden. Wie öffentlicher Raum fühlt sich die Stadt aber nicht an, eher wie ein warmes, atmosphärisches Phantasialand, ein schummriges Dorf aus einem Adventure wie “Lure Of The Temptress”, eine Mischung aus Lübeck und Amsterdam. Ich nehme mir vor, hierher mit meiner Süßen wiederzukommen, wenn ich endlich Lesetourneen mache, auf denen Zeit ist, vor- und nach der Lesung auch mal die Umgebung anzuschauen, gar einen Offday auf eigene Kosten zu nehmen. Noch ist diese Zeit nicht. Noch muss ich in vier Stunden aufstehen und nach Köln fahren, um Dirk von Lowtzow für GALORE zu interviewen und einen Tag später dort eine Lesung zu machen, wieder in einem Gebäude 9, dem berühmteren. Ein türkischer Mann brüllt im orangen “Lure Of The Temptress”-Licht der Altstadt am Telefon einen Kumpel oder seine Frau zusammen oder eben beide, weil sie ihn miteinander betrogen haben. Ich gehe an ihm vorbei, er legt auf, wirft wütend das Gerät in einen Brunnen mit Holzeimer darüber und sieht mich an. Er wird “Was willst du?” sagen und mich dann auf dem Kopfsteinpflaster zerlegen, denke ich, aber er sagt nur: “Mitarbeiter, man kann nicht mit ihnen, man kann nicht ohne sie.”
“Mitarbeiter?”, frage ich.
“Ja. Ich bin Bauzeichner. Es wird alles eng hier.”
“Wo hier?”
“Uni-Campus. Wir bauen da ein Hotel hin.”
Er geht zu dem Brunnen, greift hinein und zieht das Telefon wieder raus. Ich schaue in den Brunnen, er ist abgedeckt und nur 50 cm tief, bis ein Brett kommt, darauf leere Bierdosen und Snickers-Papiere.
“Nicht mit, nicht ohne sie”, sage ich, auf die Papierchen starrend.
“Ja”, sagt der Bauzeichner.
Dann ruft er sich ein Taxi.

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