Tourtagebuch Reloaded – 24.05.2007 Köln, Gebäude 9

Das Gebäude 9 wirft in mir wieder die Frage auf, warum all diese guten Läden mit den Klasse-Konzerten und den ursympathischen Betreibern immer aussehen müssen wie Ruinen. Warum dieser Schick des Verfalls, des Industrie-Siffs, der Zerrüttung, die auch die Rock’n'Roll-Körper selbst bestimmt, die ihre eigene Zerstörung feiern und das nicht aus Protest gegen Gesundheitsfaschisten, sondern als auf den Kopf gestellte Form des Leistungsgedankens der Wirtschaftswelt und des Sports, in dem man nicht zugeben darf, dass man dopt, während man im Rock nicht zugeben darf, dass man ernsthaft auf sich achtet und kurz vor der Lesung noch Omnipur S zur Behandlung der Teichfische kaufte. Vor dem Club wartet Alex Amsterdam, Songwriter aus Düsseldorf, mit dem ich mich verabredet habe, auch Tobias Röger von der Band Ton kommt noch vorbei, der Ex-Wohlstandskinder-Sänger, dessen neue Gruppe ich ja auch unablässig bewerbe, wie ich eben so bin. Pablo Geller vom Haus sorgt mit seinen Technikern für ein perfekt großes Beamer-Bild samt fettem Ton aus meinen alten Laptop und einem Soundcheck, der einer Band würdig wäre, inklusive der Pizzabestellung ins “Backstage” ist das klassiche Rock’n'Roll-Gefühl mal wieder perfekt, nur dass Alex, Tobias und ich dort hinten in allem das Gegenteil der koksenden und saufenden Horden sind, die man sonst in dem Zimmer vorfinden kann. Auf der Hinfahrt habe ich im Prinzip drei Stunden gestanden, nur selten wurde das Stehen und Warten auf der A1 und den Umgehungsstraßen mal von zufälligem Fahren unterbrochen, ich schrie viel am Steuer und warf mit Müll aus dem Wageninneren nach Passanten, die mit Kinderwagen aus uneinsehbaren Parklücken hervorschießen, wahrscheinlich in der Hoffnung, mit nur leicht verletztem Kind eine Milliardenklage zu gewinnen; die Bandagen sind härter geworden in Zeiten von Hartz IV, aber meine Bremsen sind immer noch gut. Auf der Bühne heute immer noch Protestaktion mit 99-Cent-Kanister-Limo und Werthers-Bonbons, dazu aber anderen Geschichten als vorgestern und einer Menge Wohnung zeigen. Gegen Ende traue ich mich dann das erste Mal, “Closeline” nahezu auswendig vorzutragen, ich schaffe vielleicht die Hälfte, staune aber dennoch über mein Gehirn, das eine Geschichte nur durch häufiges Lesen fast komplett memorieren kann und das nicht wegen des Inhaltes, sondern wegen des Sounds der Sprache und des Rhythmus’ der Sätze. Nach der Lesung lerne ich tatsächlich meinen Großcousin Matthias Uschmann kennen, ich wusste, dass er existiert, aber hier laufen wir uns das erste Mal über den Weg. Beide Gewächse aus Wesel, hat es ihn nach Köln verschlagen und eine mir vergleichbare Stadtflucht kann er sich noch nicht vorstellen, er ist Schlosser und aufmerksamer Kulturgänger der Domstadt, der ich meine Liebste entführt habe. Wir tauschen Nummern und eMails aus, einige Menschen wollen Autogramme, Pablo rechnet mit mir zwischen Kästen von Mate-Limo und Bier ab, während mich Eddie von Iron Maiden von einem alten Poster anstarrt. Dann breche ich endlich auf, es ist schon wieder spät, die Autobahn nimmt mich auf. Ich halte nur einmal, esse Pommes im Kucksiepen und beobachte einen Mann, der wütend eine SMS tippt und dabei mit der Gabel derart grimmig in die Currywurst sticht, das rote Soße wie Blut über den Tisch spritzt.
“Sind sie Bauzeichner?”, frage ich ihn.
“Nein, Deutscher!”, sagt er.
Dann steht er auf, nimmt den Teller mit raus, wirft die Currywurstreste in den Waldrand, zerschellt das Keramik auf der Rampe für Rollstuhlfahrer und knallt die Tür eines alten Audi zu.

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