Tourtagebuch Reloaded – 27.05.2007 Duisburg, Pianissimo

“Das ist das erste Mal, dass ich einen Menschen mit Herr Uschmann begrüße”, sagt der ältere Herr, der schnurstracks im Duisburger Pianissimo auf mich zukommt. Gerade noch habe ich mit dem Punk-Prosa-Kollegen Tom Tonk nebst Gattin sowie Max vom Duisburger Platten- und Buchlabel Salon Alter Hammer geplaudert, jetzt sitzt wie aus dem nichts mein Großcousin vor mir. Friedhelm Uschmann steht auf seiner Visitenkarte, fast 78 Jahre jung, er bietet mir das “Du” an und erzählt, er sei der Neffe meines Opas Ernst, den er als Junge bewundert hat, da er ein hochdekorierter Flaksoldat in Russland gewesen sei. Kleine Jungs bewundern so was, auch wenn sie im Nachhinein sehen, was für Flachpfeifen die Nazis waren. Mein Opa sei kurz in amerikanischer Gefangenschaft gewesen, erzählt er mir, und hätte dort seine ganzen Orden und Anstecker gegen Zigaretten getauscht, “diesen ganzen Krempel”, wie er ihm noch erzählt haben muss. Mir hat er davon nie erzählt, als ich noch kleiner war und im Wohnwagen meiner Großeltern die Sommer verbrachte, meine ersten Romanversuche auf dem alten Klapptisch schreibend, die nassen Füße vom Badesee auf dem warmen Linoleumfußboden. Friedhelm fragt mich nach meiner Familie aus und ich frage ihn, er hört sich die Lesung an, die von exzellentem, ur-amerikanischem akustischem College-Rock der Weseler Band aVid unterstützt wird, und hat unheimlichen Spaß. “Darf ich sagen, dass das, was du da machst, ‘gesprochenes Kabarett’ ist?”, fragt er, und ich spüre, wie der Stolz mich rot werden lässt. So schön hat das noch keiner formuliert, ohnehin hat den Begriff noch niemand in den Mund genommen, aber ja, das kann man so sagen. Friedhelm, der naturgemäß kein Experte für die Playstation- und Rock-Anspielungen der Hartmut-Welt ist, schätzt meine satirischen Darstellungen von Demonstranten oder den surrealen Anfall “Bärenklau”, den ich hier erstmals live lese, dabei wieder meine giftige Protest-Limonade saufe und mich selbst wundere, was für ein merkwürdiges Ding ich da für die Homepage verfasst habe. In Kombination mit einem Vorgeschmack auf die Wandelgermanen irritiert und amüsiert es die Leute angemessen. Meine Bochumer Lieblingsband Slowtide ist auch zu Gast, ebenso mein Freund Andre, heute Lehrer dort, wo wir früher Schüler waren und von unsinnigen Reformen ebenso geplagt wie von Schülern, die zwei sich widersprechende, irgendwoher kopierte Zitate für einen gut recherchierten Aufsatz halten und die Schule mit einer Abi-Band quälen, die wie Slipknot klingt und Kunstblut in die Elternschaft spritzt. Nach dem Auftritt schenke ich Friedhelm meine Bücher und bin um ein Familienmitglied reicher. Unter den knorrigen Ahornbäumen des Wohnviertels, in dem ich parke, erzähle ich meiner Süßen von der Begegnung und juble mit ihr ob eines Erfolgserlebnisses ihrerseits, das sie derweil daheim bei einer schwierigen technischen Aufgabe hatte, sie ist genial, absolut genial, unser gedoppelter Jubel hallt schrill durch das dunkle Viertel, ein Mann öffnet das Fenster und wirft eine Hausschuh nach mir. Wir jubeln und quietschen weiter, er erhebt den zweiten, hält inne, sieht mich an. Ich halte, das Handy am Ohr, den anderen Hausschuh hoch, mache eine fragende Geste, und er nickt wie ein Jugendlicher, der zur Vernunft kommt. Dann ziele ich und werfe ihm den Hausschuh wieder hoch, damit das Paar wieder zusammen ist. Ich mache Knutschgeräusche ins Telefon, fahre das Auto vor die Tür des Clubs, ramme einen Hydranten, räume mein Zeug an und höre auf dem Heimweg die neue Smashing-Pumpkins-Platte “Zeitgeist”. Sie ist nicht übel, aber eine Re-Union mit meinem Großcousin ist mir dann doch lieber. Nachdem mich mein bekloppter Navigator drei Mal im Kreis um Dortmund-Bodelschwing lenkt, weil er nicht kapiert, dass eine Ausfahrt gesperrt ist und der Satellit rote Umleitungspunkte nicht lesen kann, schalte ich das Gerät aus, vertraue auf die Macht, die in mir ist und finde den Weg in unser Dorf intuitiv. Zwei unbekannte Blutsverwandte in zwei Tagen getroffen und in wenigen Tagen lese ich in meiner Heimatstadt – ich bereite mich mental darauf vor, dort meinen schon immer verheimlichten Zwilling kennen zu lernen, dusche mir den Zigarettengestank vom Leib und kuschele mich ins Bett zu Frau, Kater und Katz.

This entry was posted in Tourtagebuch 2007 and tagged . Bookmark the permalink.

Comments are closed.