Tourtagebuch Reloaded – 01.06.2007 Wesel, Karo

Es gibt Bands, die sind in ihrer Stilrichtung perfekt. Menschen, die ihrem Stil anhängen, bewundern sie, der Rest reagiert gleichgültig. Dann gibt es Bands, die Virtuosen sind. Das begeistert Techniker und berührt den Rest nicht die Bohne. Ab und an aber gibt es Bands, die es schaffen, fast jeden für sich zu begeistern, vor allem live. So eine Band sind Botanica. Sie sind der eigentliche Haupt-Act des Abends im Jugendzentrum meiner Heimatstadt Wesel, das sich in den letzten Jahren zu einem relevanten Club mit geschmackvoller Konzentration auf Songwriter und edlen Indierock gemausert hat. Draußen hängen ihre Tourplakate, “Botanica… from New York City”, darunter mit Filzer “+ aVid + Oliver Uschmann (Lesung)”. Es sind Freunde gekommen, einige, weil ich sie eingeladen habe, um ein wenig meinen Geburtstag nachzufeiern, wo ich schon mal in der Stadt bin. Andere, weitaus mehr, weil sie in der Zeitung davon lasen und mich mal wieder sehen wollten. Sie sind eine außerordentliche Überraschung, vor allem mein Kindheitsfreund Rüdiger, mit dem ich damals im Wald Marvel-Abenteuer nachsspielte (meinen Pass, der mich als Nightcrawler ausweist, habe ich noch heute), am Strand für He-Man-Figuren Höhlen baute und später durch die Spielewelten von C64 und Amiga stromerte. Seine Armeehose deutet richtig darauf hin, dass er immer noch den Hardcore-Musikgeschmack von “Martin” teilt und die sechs Freunde, die er mitgebracht hat, kenne ich noch von früher. Wilde Festivalstammbesucher, von denen einer endlich seine Berufung gefunden hat: Er ist am Theater und wird am 25.10. meine nächste Wesel-Lesung technisch betreuen, seine Freundin ist vom örtlichen Buchhandel, Rüdiger ist heute Cutter beim Film, sie sehen alle noch wie eine Horde Sick-Of-It-All-Roadies aus und arbeiten folgerichtig heute im Show- und Kulturgeschäft. Für sie ist Botanica nichts, aber meine anderen Freunde sind hin und weg, als die Band von 21 Uhr bis 22:45 Uhr ihr Set spielt. Jan, der Jurist (Kerngeschmack: Helmet, Noiserock, lauter Indie). Andre, der Lehrer (Kerngeschmack: Lounge/Elektro am Tag, Darkwave in der Nacht). Sebastian, der Tonmeister und Rettungsassistent, der in der Schule mit seiner Violine und seinem passionierten Weg in der Klassik der wahre Punk war und von dem ich trotz seiner Offenheit für guten, progressiven Rock alles, aber keinen Zuspruch zu den Bands im Karo erwarte. Doch es kommt anders: Jan und Andre entdecken eine neue Band für sich und Sebastian ist begeistert und das aus guten Gründen. Nacheinander lobt er den Drummer (“hör mal, wie perfekt er das verschleppt!”), die “ungewöhnliche, aber gute Mikrofonierung” und das humorvolle, offensive Charisma Paul Wallfischs, der an seiner Orgel wie eine Mischung aus Tom Waits, Helge Schneider und Frank Zappa rüberkommt. Er skandiert das Wort “Wesel” wie ein Mantra und will, dass alle mitbrüllen. “Lauter!”, schreit er und ich wiederhole “Lauter!”, daraufhin bricht ein wenig das Eis, er schnappt sich ein paar Zuschauer, lässt die Band den Grundrhythmus weiterspielen und motiviert einen Jungen, rhythmisch gegen eine Tonne zu treten und mal aus sich herauszugehen. Er inszeniert ein Mitklatsch- und Mitstampf-Spiel mit dem Pubikum, aber kein primtives, sondern eins auf einen krummen, schwierigen Takt. “It’s an intellectual rock evening here in WESEL!!!”, sagt er, aber es ist alles ebenso witzig wie clever, ebenso dionysisch wie formal streng und atemberaubend perfekt. Jan hört “Ennio-Morricone”-Gitarren, Sebastian hört “Alan Parsons” und ich höre eine Mischung aus französischem Chanson und Godspeed! You Black Emperor – jeder hört, was sein Hinterkopf hergibt, alle sind überrascht und begeistert. Eine wirklich atemberaubend charmante Band, die mit ihrem Können beeindruckt, weil sie es nicht wie ein Computerfreak ausstellt, der “funzt” sagt, sondern es in eine Show einbaut, die den Namen verdient und die doch keinen Pathos hat. Erst gegen 23:15 Uhr bin ich dran und mache meine Show mit den aVID-Jungs, die nachmittags noch bei Rock am Ring waren und heute den ganzen Tag von einem bärtigen Kollegen des Musikexpress begleitet werden, frei nach dem Motto: Das Leben des ambitionierten Nachwuchses – tagsüber vor 5.000 Menscheh auf der “kleinen” Ringbühne, abends vor 50 im Jugendzentrum. Die Band macht Soundcheck und ballert Tom-Schläge in die Ohren meiner Eltern, die mittlerweile vorbeigekommen sind, danach performe ich “Always”, “Scheiß Staat”, Ausschnitte aus dem frisch eingetroffenen Presseexemplar der Wandelgermanen und “Closeline”, letzteres komplett auswendig, was die Punks, die Veranstalter und die 14jährigen Schülerinnen meines Kumpels Andre gleichfalls beeindruckt. Mich auch. Die Mädels sind aber vor allem wegen aVID da, die danach noch mal mit Strom loslegen und deren extrem eingängiger College-Power-Pop in Kombination mit ihrem feschen, Eastpak-tauglichen Aussehen und ihrem geradlinigen Ehrgeiz dafür sorgt, dass sie an der Schule bei einigen als “arrogant” gelten, was aber ohnehin auf jeden zutrifft, der in irgendwas gut ist und seinen Weg machen möchte. Der Drummer der Band war damals bei einem anderen Kumpel von mir in der Lehre, der uns die ganze Jugend lang mit einem unheimlich elitären Jazz- und Mucker-Dogmatismus terrorisierte und die ganze Vans Warped Tour-Powerchords-Welt nur mit besoffenen Kopp akzeptierte. Er spielt immer noch in höchsten Ansprüchen bei wenig Einkommen; sein Schüler wird sich in ein paar Jahren auf Bühnen mit Donots, Get Up Kids, Funeral For A Friend und Silverstein das Konto vollgeklöppelt haben. So kann’s gehen. Ich fühle mich heute Abend auch wieder wie ein Checker, nach dem Auftritt mache ich Finanzen mit dem Chef im gemütlichen Büro bei piependen Ohren, vor dem Auftritt erzähle ich einer Redakteurin der örtlichen Zeitung auf die Frage hin, woher meine Ideen kommen, rundweg: “Von meiner Freundin.” Gegen 1:30 Uhr ist endlich Ruhe am Ring der kleinen Heimatstadt, nur 300 Meter Luftlinie entfernt von meinem alten Kinderzimmer, in dem ich nicht annähernd davon geträumt hätte, jemals als ernsthafter Performer in diese Stadt wiederzukommen und sie – Geburtstag hin oder her – zu einem ganz normalen Teil meines Berufes auf Tournee zu machen. Ich fahre heim, Sebastian wird um 5 Uhr aufstehen, um 24 Stunden lang Leben zu retten. Botanica fahren weiter, um vor zu wenigen Leuten ihre großartige Musik zu spielen.

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