Tourtagebuch Reloaded – 25.07.2007 Oldenburg, Loft

Achim ist ein tapferer Mann. Achim holt mich am Eingang der idyllischsten Straße Oldenburgs ab, einem schmalen Kopfsteinpflastergässchen mit niedlichen Buch- und Kunstläden, zwischen dessen Häuserwänden sich Rosengitter-artige Gebilde ranken. Achim zeigt mir einen Parkplatz und schleppt mit mir Merchandise und Material hin und um 23:40 auch wieder zurück. Achim ist Veranstalter und muss heute an einem heißen Abend des Oldenburger Kultursommers zwischen drei Veranstaltungen hin- und herflitzen; meiner Lesung, einem Kabarett-Abend eine Tür weiter und einem HipHop-Jam direkt über meinem Kopf. Ich lese in der Kellerdisko des Loft, einem recht stylishen, neu wirkenden Club mitten in der Altstadt, die sehr schön ist und die von futuristischen Shopping Malls bedroht wird wie der, in welcher mein Hotel beiheimatet ist, eine riesige, schicke Bettenburg, verwachsen mit einer Saturn-Filiale, einem Fitness-Center und zig anderen Läden wie die überdachten Welten der Cyberpunk-Zukunft. Die Lesung beginnt holprig, weil ich die Seitenzahl von “Always” nicht finde, neben mir gestochen scharf die WG auf kleiner Leinwand, vor mir erwartungsvolles Kultursommer-Publikum mit den neuen Hartmut-Postkarten “Wenig Arbeit ist eine Illusion” in der Hand, die ich auf den Sitzen verteilt habe. Ein älterer Herr, der wirkt, als hätte er die Weltliteratur im Regal, guckt skeptisch. Ich habe nur 90 Minuten, die wie im Fluge vergehen. Ich muss mich erst eingrooven, ich bin ein wenig eingerostet und erschöpft, die Hinfahrt war eine Rallye vorbei an der A1, dem größten Parkplatz Europas, akrobatisch lenkte ich durch Dörfer und über Bundesstraßen, fernnavigiert von Sylvia, achtsam wie Jack Bauer. Als der Literaturmann endlich lächelt und lacht, geht es mir besser und ich stürze mich über “Unperfekt sein” direkt hinein in einen Trip aus den Wandelgermanen, der sogar auf mich selbst so wirkt, als hätte ich den dritten Hui-Roman nach exzessivem Konsum geraspelten Bärenklaus geschrieben. Die Zeit rast und ehe ich mich versehe, ist abgebaut, die Disko beginnt, Menschen kaufen mir Sachen ab, ich laufe mit Achim zum Auto und zurück, ich rechne ab, ich laufe nach Hause telefonierend ins Hotel, ich sitze vorm Laptop und tippe dieses kunstlose Tagebuch. In drei Stunden muss ich schon wieder fahren, da um 8 Uhr ein Termin winkt. Ich gehe leise auf de breiten Flur mit dem roten Teppich, auf den leises Hit-Radio aus Deckensprenklern tropft, klopfe wie verabredet vorsichtig an Zimmer 317 und bekomme mein Dopingmittel, damit es weiter gehen kann. Die Batterie ist alle, ich mache den Computer aus.

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