Tourtagebuch Reloaded – Wundlauf 2007 – 22.08.2007 Herbern, Buchhandlung Angelkort

Ich glaube, die Familie Angelkort gehört zu den besten Menschen im Land. Freilich kenne ich sie nicht privat. Ich weiß nur, dass sie mit ihrer Ladenmischung aus Büro- und Schulbedarf, Post, Spielegeschäft und Buchhandlung mein gefühltes Ortszentrum Herberns sind und dass ich 2005 kurz nach meinem Herziehen noch mit Farbe an der Hose bei ihnen einen Kundenbefragungs-Zettel ankreuzte, auf dem stand: “Wollen Sie, dass wir die Bücherecke ausbauen?” sowie “Wollen Sie, dass wir Lesungen veranstalten?” Klar, wollte ich. Bisher gab es zwei, beide mit mir. Wie kann ich diese Menschen da nicht lieben? Doch trotz meines getrübten Sinnes gehören sie zu den besten Menschen im Land. Wie sie mit Kindern, Kunden und anderen unberechenbaren Wesen umgehen, ist von vorbildlicher, dalai-lamaesker Geduld geprägt. Auf einem Eckregal hinter der Posttheke stehen blaue Kisten mit den Namen der Kinder des Ortes und ihren Geburtstagen. Steht einer an, wirft das Kind zwei Wochen vorher alles rein, was es gerne hätte und Bekannte, Tanten und Freunde brauchen bloß bei Angelkort schauen und finden in der Kiste das richtige Geschenk. Das ist Reality 2.0., würde ich mal sagen, besser als jede Wunschliste bei Amazon, auf die ohnehin keiner reagiert.

Heute jedenfalls wandele ich auf blanken Füßen zur Lesung, meinen Rucksack für 10 Tage Wundlauf durch NRW haben Sylvia und ich eben noch minutengenau gepackt, da finde ich mich auch schon im Buchladen wieder, der noch jungfräulich mit Sitzbänken, Knabbergebäck und meinem Lesesessel auf den Abend wartet. Kurzes Hallo, dann eine sehr nette Fotosession mit einem großartigen Galore-Kollegen am Ortseingang – Bürger gucken aus Fenstern, grüßen, zwei Damen von den Ruhr-Nachrichten, die ohnehin auf dem Weg sind, erkennen uns und machen auch ihre Bilder. Zurück im Laden ist mittlerweile auch Burkhard Reinberg angekommen, Webmaster von Barfuss-Trend.de, der mich sehr unterstützt und die ersten Etappen mitlaufen wird. Während der Lesung ruft er immer mal wieder lachend “Oliver, wir müssen reden!” ins Rund, da meine surrealen Welten aus Steinbeis’ Amtslabyrinth, Wehrsport im Wald, Organen in Gläsern, germanischen Edda-Versen und komplett erfundenen und geträumten Objekten wie der “Rapille” ihn an meiner geistigen Gesundheit zweifeln lässt. Ein wenig tut das auch die Barfußwandelung, daher kommt noch ein Barfußexperte mit, auf den späteren Strecken. Die Barfüßler, die es schon seit Jahren tun, machen sich Sorgen um mich.

Die Lesung ist toll, ich finde meinen Flow, ich lese kürzere Abschnitte als früher und schöpfe umso mehr aus der reichhaltigen, stark psychedelisch beschwipsten Bowle meiner neuen Romanwelt, deren Surrealismus ich live immer wieder mit derart lebensnahen Kommentaren und Wutanfällen zum Zeitgeschehen verknüpfe, dass mich Zuschauer nach dem Auftritt nach einer Hörbuchumsetzung der Wandelgermanen fragen und das “genau so, wie du heute gespielt hast, mit allen Zwischenkommentaren und Abschweifungen.” Ich beantrage noch auf dem Heimweg den Vertrag bei der Verlagsgruppe über SMS. Dann aber telefoniere ich mit meiner Süßen, wie es “Ich” in der Getränkemarktszene tut, die ich als Zugabe lese, den kompletten Heimweg von Angelkort bis vor unser Haus, wo sie mir hinter dem Wohnzimmerfenster zuwinkt, auf unsere frisch operierte Katze aufpassend. Auf halber Strecke hörte sie, wie mir zwei Frauen aus dem Dorf begegneten. “Sind sie der Barfußläufer aus der Zeitung heute?”, riefen sie mit westfälischem Kraftorgan über die Straße und fragten mich über die Laufroute aus; es muss ein unwirkliches Erlebnis für sie gewesen sein, um halb elf im Dunkeln den Barfußläufer zu treffen; für mich war es das erst recht, ich stelle mir vor, wie ich der eine Punkt auf der Weltkarte bin, auf den dieser Begriff zutrifft. Der Barfußläufer.

Daheim erzähliche ich enthusiastisch, pflege die Füße und höre dabei in meinem Kopf ein bislang vollkommen unbekanntes Lied, eine pompös orchestrierte Mischung aus Frank Sinatra, Vangelis, Stadion-Epic-Rock und diesen alten pathetischen Schlagern, die Melodie entsteht in meinem Kopf ohne mein Zutun und wirbelt sich immer stärker in die Höhe, ich kann es nicht aufnehmen oder notieren, das Pathos und die divenhafte Feierlichkeit tropfen schon von den Kacheln, dann hört es auf. Ich glaube, ich kann sehr selbstverliebt sein.

Noch ein wenig aufräumen, Rechnungen überweisen, dieses Tagebuch einstellen. Meine Süße und die Kätzchen liegen schon im Bett und warten auf mich. Dann bin ich 10 Tage weg, barfuß, jeden Tag 25 Kilometer laufen und danach noch auftreten, am Stück, ohne Offday. Das habe ich nicht mal mit Schuhen jemals getan. Ich habe jetzt schon Heimweh und bin doch gespannt. Ich muss Internetcafés finden, in denen Männer mit dunklen Schnauzern rauchend hinter Rechnern sitzen, um euch dieses Tourtagebuch on the road zu liefern. Ich muss jeden Tag so viel wandern wie sonst nur ein Mal im Jahr als Kind in Österreich. Barfuß. Ich bin hartmutesk. Bis morgen.

Fakten des Vorabends:

Schritte: 4785
Kilometer: 3,4
Musik, die dabei im Kopf ertönte: Fleetwood Mac – “Go Your Own Way” // Frank Sinatra – “My Way”
Kurzzeitig komponiertes Lied: 1
Blasen: 1 (flach)

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