Tourtagebuch Reloaded – Wundlauf 2007 – 23.08. Lünen, Zum Greif

Ein Tag wie dieser fühlt sich an wie fünf Tage. Am frühen Morgen verlasse ich mein trautes Heim, lasse Frau, Kater und Katze zurück und fühle mich melancholisch, als ich um die Ecke biege. Diese kleine Straße soll jetzt der Anfang von 300 Kilometern Barfußlauf sein? Unser Landstrich rauf bis Lünen, den ich einst jeden Tag mit dem Auto zur Arbeit gefahren bin ein ganzer langer Tag Lauferlebnis?

Ich treffe Burkhard an der örtlichen Tankstelle und wir schaffen die Etappe bis zum Restaurant “Zum letzten Lauf” in nur 35 Minuten. Schneller ist nur Carl Lewis. Der wilde Rhabarber am Wegesrand nickt respektvoll mit den Blättern; Burkhard erzählt mir von seinem Leben und erklärt als ehemaliger Verkehrspolizist für Schwerlasten, warum die Holzpflöcke auf einem kleinen Laster hinter uns bei einer Vollbremsung den Fahrer durch die Kabine erschlagen würden. “Nur 45 Grad-Winkel-Bespannung und 8 Millimeter dünnes Blech”. Ich merke mir so was. Wir brauchen mehr Details.

Auf der Terasse des letzten Wolfes trinken wir einen Kaffee, empfangen Herrn Warnecke vom Kreiskurier, der uns barfuß mit seinem kleinen Sohn im Kinderwagen den kompletten Weg nach Werne begleiten wird und werden von den besten Freunden meiner Eltern überrascht, die ich schon seit embryonalen Tagen kenne und die einfach so um 11 Uhr morgens aus Düsseldorf angereist sind, um mir Gutes zu wünschen. Wunderbar.

In Werne essen wir im Restaurant des Solebades, meine Lektorin stößt zu unserer Wandelgruppe hinzu und Herr Dahmen von der Werne am Sonntag zeigt uns die Sole selbst, an der wir schöne Fotos machen und danach noch eine Abkürzung über den Friedhof. Die Zieletappe bis zur Kneipe “Das Greif” in Lünen an der B54 macht mir langsam klar, was ich mir da aufgehalst habe. Meine Füße brennen, sind aber noch blasenfrei, meine Hüftknochen und Rückenmuskeln fühlen sich aber bereits unter 12 Kilo Rucksack wie das Bein von Dr. House.

Um mich um 250 Gramm zu erleichtern, schenke ich auf der Lesung am Abend einem Fan ein Tourneeshirt, derer ich fortan jeden Abend eines verlosen werde, nachdem seine Clique ein paar Quizfragen zu “Hartmut und ich” beantwortet hat. Der Auftritt im Greif ist so “erdig” wie die Bands, die sonst dort spielen. Der Wirt Josef ist zunächst fast allein da und so bauen wir beide gemeinsam eine Holzleinwand für den Beamer auf, friemeln am Mischpult, gießen Fußbadewasser ein und machen alles zusammen. 25 Besucher (in Lünen ist das viel) haben Spaß für 250, ich komme gut in die Geschichte, rege mich wieder auf, werfe feuchte Taschentücher durch die Gegend, begeistere einen Zuhörer für die Band Tenhi, die meine Tour auf CD begleitet, zitiere die Edda und schimpfe auf Al Gore und sammle Punkte mit der Szene im Getränkemarkt, in der “Ich” wie ein Stofftier sprechend mit Caterina spricht, wie ich es auch den ganzen Tag tue, wenn ich Sylvia anrufe, die mir ihr Lieblingstuch mitgegeben hat, dass zusammen mit mir gesund und lebendig nach 10 Tagen heimkommen muss. Und wird. Ich bin eine harte Sau.

Jetzt sitze ich nach angenehmen Nachtmarsch in einem Internetcafe in Lünen, rauchende Mafiamitglieder um mich, Plastikpflanzen, alte Arcade-Games. Im Hotel warten Dusche, Fußpflegecreme, Bob Ross und mein Game Boy Advance, auf dem ich zurzeit die 2. Liga mit Wacker Burghausen bei FIFA 06 spiele. So bin ich. Ein wackerer Wandersmann.

Bis morgen.

Fakten des 1. Tages

Schritte: 36.672
Kilometer: 25,7
Lieder, die plötzlich im Kopf auftauchten: Pulley – “Seein Different” // Simply Red – “Stars” // Pink – “Dear Mr. President” // Billy Talent – “Red Flag”
Blasen: Keine
Entfernte Splitter: 1

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