Tourtagebuch Reloaded – Wundlauf 2007 – 24.08.2007 Dortmund, Sissikingkong

Die Lippe hat Hochwasser. Es schiebt sich durch Ufer und Engen, Baumwipfel ragen heraus. Es ist Vormittag und ich laufe über eine Lippebrücke in Lünen, dann durch einen Trampelpfad zum Datteln-Hamm-Kanal. Ich rufe meine Süße an, diverse Pressepartner, Bands, die Füße im Wasser des Kanals neben einer Jahre alten Flasche mit grünem Belag drauf, am morgen, in der Woche. Das ist toll.

In Gahmen gebe ich bei der Post in einem Kiosk einen Umschlag ab, ein wenig operatives Geschäft während einer Extremwanderung, dann Standstreifen der B54, ein Radweg weiter oben, die Zufahrtsstraße, die ich früher jeden Tag pendelte. Schon 11 Kilometer, Hitze auf dem fast haarlosen Schädel, straffes Tempo. Ich bin zu schnell am Treffpunkt “An den Teichen” und gehe erst mal Falafel essen. Ein alter türkischer Mann, der vor der Bude seinen Mokka trinkt, fragt, was ich mache und ich erkläre ihm die Wandelung. “Barfuß ist gut”, sagt er, er ist beeindruckend von allem. “Ich wünsche dir viel Spaß, Junge!” sagt er väterlich. Auf dem Weg zurück zum Treffpunkt erfindet mein Kopf wieder ein Lied, wie vorgestern in der noch heimischen Wanne. Diesmal ist es ein Schlager, eine unmöglich schleimige, selbstgefällige Melodie zwischen Howard Carpendale, David Hasselhoff und 80er-Stadionrock. Es hört nicht auf, es besteht auch textlich nur aus schlimmen Phrasen wie “Go this road forever” oder “make it my own way” mit einem ganz schlimmen “Oh Lord!” am Ende des Refrains… so was komponiert mein Kopf von selbst, wenn er komponiert. Au Backe…

Ein 71jähriger Mann spricht mich an: “Sind Sie auf Wanderschaft?” Ich erkläre alles, auch er bekommt eine Wandelvisitenkarte. Er schwärmt von früher, als auch er noch wanderte. Ich mag es, dass solche Leute meine Karten bekommen und nicht meine “typische” Zielgruppe, es hat den Charme von Adventure-Figuren, die mir gezielt auf den Weg programmiert wurden.

Sobald ich den Dortmunder Norden betrete, werde ich depressiv. Warum müssen sich Menschen, die wenig Geld haben, so aufgeben? Scherben überall, Schrott auf der Straße, Suff am hellichten Tag, auch Dummheit, die dreiste Version. Der Rezeptionist des Hotels sagt, gottlob sei um 22 Uhr Feierabend und ich käme nur mit einem Code rein, der Code ist falsch und das Zimmer nicht gemacht. Manche nennen so was kernig und authentisch. Ich will keine Authentizität, keine schmierigen Rezeptionen aus Spanholz mit lieblosen Schreibtischen, ich will gespielte Freundlichkeit und Luxus.

Andererseits: Der Beamer für die Lesung wurde Wolfgang Kienast einfach so gegeben, vom Internetcafe, weil man sich kennt. Wolfgang ist der hartmuteskeste Mensch, den ich kenne, in meinem letzten Tagebucheintrag von der letzten Lesung im Sissi berichtete ich von seiner Leidenschaft für den Herzog Anton Ulrich aus dem 16. Jahrhundert. Mittlerweile hat sich Wolfgang den Titel des

(… an dieser Stelle wird das Internetcafe, in dem ich sitze, geschlossen… morgen geht’s weiter, die Mafia treibt uns alle raus…)

Wundlauf 2007 – 24.08. Dortmund, Sissikingkong (Teil 2)

… ja, jedenfalls hat sich Wolfgang mittlerweile den Titel des Grafen sowie 100 Quadratmeter geschichtlich bedeutsames Moor gekauft und heißt jetzt auch im Pass offiziell “Wolfgang Antonius Kienast Graf von Roit zu Roja”. Großartig, wie die Lesung in seiner Reihe “Am elektronischen Kamin”, für die er großen Applaus verdient. Heute bin ich noch besser drauf, binde Burkhard und Wolfgang in meine Moderation ein, habe trotz der stcikigen Luft Spaß wie bekloppt und spiele. Ich lese nicht, ich spiele. Viele liebe Freunde sind zu Gast, auch lange nicht gesehene, es schließen sich Kreise, es ist alles gut.

Nachts streife ich durch das Dickicht der Nordstadt, um das Internetcafe zu finden, aus dem ich um 1 geworfen werde. Zurück im Zimmer habe ich das Gefühl, dass mein Game Boy anders als vorher liegt…

Fakten des 2. Tages

Schritte: 36.414
Kilometer: 25,5
Lieder, die plötzlich im Kopf auftauchten: Therapy? – “Screwdiver” // Nirvana – “Come As You Are” // Maria Carey – “Without You” // The Fugees – “Killing Me Softly” // H.R. Kunze – “Alles gelogen”
Plötzlich erfundene Lieder: 1 (siehe oben)

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