Tourtagebuch Reloaded – Wundlauf 2007 – 24.08.2007 Bochum, publicity Werbung

Mein Freund und Kollege Björn Germek, der mit OK statt KO ein geniales Selbstsicherheitskonzept anbietet, sagte neulich halb im Spaß: Wer unablässig redet, hat immer Recht. Genau das trifft auch auf Rolf Jansen von Ruhrwaerts.de zu, der die versprengten Kräfte der Metropole Ruhr bündeln möchte und vor der Lesung auf dem Gelände der Werbefirma, welche die tolle “Wenig Arbeit ist eine Illusion”-City-Card gemacht hat, so lange und enthusiastisch sein Konzept erklärt, dass wir erst im letzten Moment bemerken, wie ein Heißluftballon auf dem Feld nebenan abstürzt, über das zugleich der Hund des Agenturchefs Bälle jagt und seine Töchter eine gelbschwarze Riesenspinne finden. Ein idyllisches Bild, irgendwo zwischen Franz Marc und Matisse.

Ganz anders mein heutiger Lauf durch besagte Metropole Ruhr, die mir vom Dortmunder Norden bis hinein nach Bochum Tristesse offenbart. Häuser, aus deren grauen Wänden Kabel wie Mehlwürmer hängen. Kleingärten wie die Slums in Sao Paulo – wo schon Kleingärten verkommen, wurde jede Hoffnung aufgegeben. Die erste Hälfte des Tages laufe ich wieder mit Burkhard, der bei der S-Bahn-Haltestelle Germania (kein Witz) abspringen muss; dann folgt über Lütgendortmunder Hellweg, Werner Hellweg und später Schützenstraße eine Welt des Schmerzes. 32 Kilometer sind es heute und ich merke erstmals ernsthaft, was ich hier tue. Meine Füße brennen wie Feuer, ich habe Angst um eine potentielle Entzündung, der Muskelkater in Rücken und Hüfte ist grauenhaft. Immer wieder Pflaster und Asphalt, gesprenkelt mit diesen winzigen, spitzen Steinchen. Steinchen wie Symbole, das Leben kommt unschuldig auf die Welt und dann schickt man es über die kleinen, zermürbenden Kieselchen, bis sich niemand mehr traut, seinen Standpunkt überhaupt zu finden.

Ich überlebe nur durch Telefonate mit meiner Süßen und einen Mitläufer, der meinen Aushang am Freibad Werne gefunden hat (das ich früher hinter mir lassen musste, um das Tagespensum zu schaffen) und mich nachträglich an der Wasserstraße trifft. Mit ihm laufe ich durch die Gegend, in der ich jahrelang lebte, lange vor jedem Erfolg als Autor, jetzt auf diese Art wieder hier zu sein, ist so surreal wie mein neuer Roman, zumal die Schmerzen meine Wahrnehmung verzerren; spätestens auf der Schützenstraße, der gefühlt 10 Kilometer langen Zielgeraden, gehe ich wie in Trance, wie ein Automatismus.

Die Lesung am Feld neben abgestürztem Ballon und Spinne scheint zunächst nahezu privat, doch um 20 Uhr sind endlich auch Gäste da, die das versteckte Gelände finden. Wer sich hierher durchschlägt, will die Show wirklich sehen und so spiele ich wieder, bis erster Nebel die Bücher klamm färbt und amüsiere mich vor allem darüber, wie sehr sich die kleinen Töchter des Chefs bei meinen Slapstick- und Wehrsportszenen amüsieren, verlose wieder Shirts und improvisiere “Closeline” vollkommen frei mit Mikro in der freien Sängerhand. Nach der Show sagen die Eltern meines Kumpels Michael Holtschulte, der die City Card gestaltet hat: “Herr Uschmann, Sie malen mit Worten!” Das Öl, mit dem dieses Kompliment runtergeht, ist 200 Dollar wert: den Milliliter.

Bei Michael daheim, heute mein Hotel, spielt er mir und seinen Gästen, die im Gegensatz zu mir torkelndem Lazarett noch rausgehen, obskure Coverversionen und “Sad Kermit”-Videos aus YouTube vor, bis ich einen Nervengriff ansetze. Ich brauche jetzt meine Ruhe, Internetzeit, Fußpflege und 10 Minuten “Call Of Duty” auf Michaels Playstation. Dass es noch 7 Tage sind, darf ich mir nicht vor Augen führen…

Fakten des 3. Tages

Schritte: 49212
Kilometer: 35,7
Lieder, die plötzlich im Kopf auftauchten: Phil Collins – “A Groovy Kind Of Love” // Depeche Mode – “People Are People” // Madness – “Our House”
Blasen: 2 (scheiße!)

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