Tourtagebuch Reloaded – Wundlauf 2007 – 26.08.2007 Velbert, Flux

In Michaels Wohnung schlafen Betrunkene, als ich um 8:30 Uhr in die Küche schleiche, um mir aus dem Chaos einen Beutel mit Proviant zu schneidern. Sich fürstlich an einem Hotelbuffet bedienen kann jeder, aber dieses Auswerten verworfener WG-Haufen nach Nahrhaftem ist bereits der erste Adventure-Aspekt des Tages. “Suche Nahrung.”

Der zweite: “Finde Weg”. Ausgesetzt am Sonntag Morgen um viertel nach neun irgendwo in der Prärie zwischen Bochum und Essen, Pferdewiesen, Tau auf dem Gras, Kirchturmgeläut in der Ferne. Nichts liegt ferner an einem Sonntag morgen, als hier zu stehen, an der Varenholzstraße Richtung Essen-Horst und Byfang, wo der Ort offiziell noch Bochum-Dahlhausen heißt, die Gegend aber nur nach alten Bildern von Gestüten im Elternschlafzimmer aussieht.

Vryburg, Antonienalle und In der Lake sind keine Straßen, sondern Wege, die sich teilweise fadendünn an heruntergekommenen Privatanwesen vorbeiwinden, steil am Hang, wie Geheimpfade. Es fasziniert mich, dass das meine Route ist, sie könnte in keinem Adventure abwechslungsreicher sein. Die Ruhrbrücke am Campingplatz In der Lake ist gesperrt, aber eine freundliche Campingseniorin sagt: “Gehen Sie nur”. Ihr Campingplatz ist überflutet, die Ruhr drückt sich mit beeindruckendem Tempo durch die Landschaft. Ich passiere die Brücke und lege am anderen Ufer zwei Kilometer auf Asphalt zurück, der fast knietief überflutet ist. Es ist toll, es läuft sich wie am Strand. Morgens halb elf in Deutschland, und ich stehe knietief neben und in der Ruhr, die einerseits mit Gewalt durch die Welt pflügt, andererseits dabei so beruhigend wirkt. Ich werfe Reistaler in die Flut, sie schaukeln in die Ferne davon.

Regenwürmer tauchen im Wasser so groß wie Blindschleichen auf meinem Weg vorbei an der überschwemmten Trinkwassergewinnungsanlage. Ich laufe am Sonntag Morgen um halb elf durch versteckte Wege an der Ruhr, die im Moment in der Ruhr sind. Es ist herrlich unwirklich. Als das Hochwasser aufhört, wird es wieder real. Asphalt mit spitzen Steinchen, diesen kleinen, spitzen Steinchen, die ich so hasse. Waldfahrradwege mit dünnem Schotter, den ich ebenfalls hasse. Ich hasse den Schotter, ich hasse die Fahrradfahrer und das selbstgerechte Knistergeräusch, das ihre Räder auf dem Schotter machen. Sie fühlen sich sportlich und idyllisch, sie werden gleich bei Schwiegermutter auf der Terrasse hocken, Kirschkuchen essen und dabei über Griechenland reden. Sie radeln an mir vorbei, während ich auf dem Schotter wie auf Scherben laufe.

Ich muss scheißen. Es gibt keine elegantere Formulierung dafür, wie es sich gegen Mittag anfühlt; jede andere Formulierung würde es verharmlosen. Ich bin auf der Zielgeraden zum Treffpunkt hinterm Reiterhof in Byfang und habe gerade 10 Sekunden Pause auf einer Bank gemacht, bis ich bemerkte, dass 100 Mücken meine Beine zerstachen. Ich kann nicht mehr, es juckt, ich habe Hunger und ich muss scheißen. Unromantisch, grob und schlimm fühlt es sich an, es gibt kein Klo zwischen Bochum und Byfang. Zum Treffpunkt kommt niemand, aber in der Nähe ist Rettung. Das Haus Kuhlhoff, einer dieser gutbürgerlichen Gaststätten mit gepflegtem Interior und schiebbaren Trennwänden, in denen Silberhochzeiten gefeiert werden. Würde man sämtliche vergleichbaren Häuser zu einer Kette zusammenfassen, würde sie Deutschland dominieren, denn das ist der wahre Mainstream, der Kosmos zwischen Landschaftsbild, schweren Tischfüßen, Tanzbands und Saalmiete. Ich esse Pfifferlinge mit Rührei und Drillingen, die mich nach der bisherigen Anstrengung in tiefste Glückszuckungen versetzen.

Dann folgt eine Etappe, die man keinem Menschen wünscht. Fehlende Radwege, laute Autos und sich endlos ziehende Straßen, irgendwann spüre ich nichts mehr und gerate wieder in diese Trance, die man sonst nur aus den 22-Stunden-Tagen in Werbeagenturen oder auf dem Bau kennt… einfach weitermachen, nichts mehr merken. Ein Eichhörnchen am Wegesrand hat spitze Zähne, einen bösen Blick und trägt ein T-Shirt von Born From Pain.

In Velbert falle ich in der Bürgerstube, in der das Bad auf dem Flur ist und der Drehknauf zum Abschließen von seinem Nippel fällt, in einen kurzen, tiefen Schlaf, bis mich jemand abholt und zum Flux bringt. Der Laden ist toll, wirklich toll. Ein bisschen Fachwerk, Billardtisch, Kicker, Folkmusik, eine Book Crossing-Station, aufgeräumte Atmosphäre, perfekte Technik, geiler, klarer Sprechsound, große Leinwand, engagierte und fähige Mitarbeiter, aber vor allem: Eine Sauberkeit und Übersichtlichkeit, die sich viele Kneipen aus falsch verstandener Antispießigkeit verbieten.

Vor wenigen, aber extrem mitgehenden Fans spiele ich wieder ein wenig anders als bisher und improvisiere so viel wie noch nie. Meine Auslassungen über Männer, Politik, geheime Amtsgesetze und das unnütze Gelaber in Foren treffen alle Nerven der Anwesenden, ich führe an der Bar sitzend und den Laptop bedienend durch die alte WG und freestyle wieder “Closeline” stehend, das Mikro wie ein Sänger in der Hand. Danach berichte ich begeistert am Telefon meiner katzenbetreuenden Süßen, ohne die ich diese Tournee nie überstehen würde, ebensowenig wie ohne Burkhard, der ab morgen wieder mitreist und heute mit seiner Petra mit dem Motorrad gekommen ist. Sylvias “Wenig Arbeit ist eine Illusion”-Karte war heute vor dem Auftritt mein “Backdrop”, es stimmte einfach jedes Detail, es war alles im Fluss im Flux. Das Internetcafe, aus dem ich heute schreibe, ist ebenso gepflegt wie das Flux und wirkt eher wie ein Counter Strike-Turnierplatz. Mir fallen die Augen zu, ich muss in meine Bürgerstube. Morgen wird’s bergig…

Fakten des 4. Tages

Schritte: 37.962
Kilometer: 27,7
Lieder, die unwillkürlich im Kopf auftauchten: Bad Religion – “Do What You Want” //
Westernhagen – “Sexy” (das lag an dem gutbürgerlichen Gasthaus, wo ich aß. Dieses Lied sowie der ganze Mann sind die Ausgeburt des selbstgerechten Chauvinismus mittelständischer Firmenchefs, die rauchend auf 50sten Geburtstagen hocken und nur dümmliches Gift in die Welt entlassen, das mehr Schaden anrichtet, als jeder Amokläufertakt von Hatebreed es je könnte. Bah!)
Blasen: keine
Mückenstiche: 100

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