Tourtagebuch Reloaded – Wundlauf 2007 – 27.08. Wuppertal, Live Club Barmen

In der großartigen Komödie “Superstau” sagt Ralf Richter als Familienvater, der trotz drückender Blase des Sohnes keine Pause macht: “Ich bretter durch!” Das machen heute auch Burkhard und ich. Wir brettern durch. Die 25 Kilometer von Velbert nach Wuppertal legen wir mit nur einer 30minütigen Pause zurück, in einem einzigen, erstaunlichen Fluss laufen wir, lesen die Karte, finden die Treffpunkte, machen Fotos und ziehen weiter. Es ist bergig und verschlungen, häufig führt die Strecke sowohl steil als auch kurvig durch Wälder und erinnert an die Rennkurse bei Gran Turismo oder V-Rallye; nur selten hat es heute diese ekelhaften spitzen Minikiesel, fast die ganze Strecke hindurch ist der Asphalt glatt wie die Promenade im Urlaub.

Burkhard erzählt Insidergeschichten und ich höre gespannt zu, einen Fuß vor den anderen setzend, was bis Kilometer 15 mit einer Leichtigkeit vonstatten geht, die mich selbst erstaunt. Danach wird es langsam schmerzhaft und das Feuer zieht wieder in meine Füße, sie glühen, als wäre zerriebenes Chili unter die Haut gespritzt worden. Ein Eichhörnchen springt aus den Büschen, schnuppert daran, verbrennt sich unheimlich die Nase und zeigt mir einen Vogel. Hier im Bergischen trägt es ein T-Shirt von Bryan Adams.

Wuppertal selbst stellt uns Wandelgermanen schließlich vor die härteste Herausforderung. Der Teil der Stadt, den wir durchwandeln – der Stadtteil Barmen – muss eines früheren Tages als fußgängerfeindlichster Parcours Europas angelegt worden sein und ist noch dazu von einer Aura wie der schlimmste Polizeiruf 110, den der Art Director komplett mit einem Grauschleier belegt hat. Autos in gefühlten 10 Spuren, Lärm, Wohnungen, deren ausgebrannte Fenster direkt an die Leitplanke der aufgebockten A46 oder an gigantische Viadukte angrenzen, die mitten durch die Stadt ziehen, hoffnungslose Praxen von erfolglosen Homoöpathen darunter. Unter dem Betongewächs wandeln Menschen wie paralysierte Figuren aus Grand Theft Auto, man könnte ihnen das Auto stehlen oder sie umfahren, sie würden es klaglos geschehen lassen. Türschilder aus verklebtem Tesafilm, Jugendliche, denen ihr Knastaufenthalt in zwei Jahren schon jetzt ins Gesicht geschrieben steht.

Der Endspurt führt uns an der Wupper entlang, riesige Rohre daneben, die Schwebebahn darüber, verfallene Gebäude, eine Kneipe für Wasserpfeifen. Das Also Hotel liegt auf einem Hügel, der so steil ist, dass an seinem Fuß Kletterpickel verkauft werden. Ein Rumäne verleiht sie an einem kleinen Stand; ist man oben angekommen, legt man sie in eine am Rand des zerlöcherten Bürgersteiges gezogene Furche, in der sie wieder zum Rumänen hinunter rutschen wie die Kugeln in den Pudelbahnen der Kegelbahn.

Die Lesung ist, sagen wir mal, sehr familiär besucht, aber dafür kümmert man sich grandios um uns, mit toller, professioneller Technik und einem echten Backstage mit Ledercouchen und Catering, in dem schon Thomas D. meditierte und in einem Monat Nevio seine Groupies begrapschen wird, ihnen die Liebe des Lebens versprechend. Die Lesung beginnt handwerklich etwas holprig, doch da ich wegen der 28 Gesamtkilometer (Burkhard: “Nicht mehr denken jetzt, lauf einfach!”) einen gewissen Übermüt entwickelt habe, lese ich erstmals die Szene mit Bob Ross live und erwische lauter Fans des Malers im Publikum, die sich köstlich amüsieren. Wunderbar.

Jetzt sitzen wir im Internetcafé am Fuße des Hotelhügels und haben unsere Pickel bereits für den Aufstieg reserviert. Der Aufstieg ist lang und mühsam. Der Rumäne wurde schon von seiner Mutter abgelöst. In einem alten, kleinen Kofferradio läuft Dirty Dancing.

Fakten des 5. Tages

Schritte: 43.277
Kilometer: 30,2
Lieder, die unwillkürlich im Kopf auftauchten: Rise Against – “Black Masks & Gasoline” // Billy Talent – “Surrender” // Bad Religion – “A Thousand Memories”
Blasen: Keine (yes!)
Fußtemperatur ab 15 Uhr: 57 Grad Celsius

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