Tourtagebuch Reloaded – Wundlauf 2007 – 28.08.2007 Solingen, Cobra

Es ist der mit Abstand anstrengste Tag der Tour. Es ist der mit Abstand beste Tag der Tour. Es ist ein Tag des Lärms. Die gesamte Etappe Wuppertal besteht wie die Stadt selbst nur aus Krach. Krach, Staub und Hoffnungslosigkeit. Der Blick vom Bahnhof hinunter in das Gewächs aus Straßen, Beton, Sparkassenbausünden und Schwebebahn ist deprimierend; hinter dem Bahnhof beginnt die Steigung und lässt im Grunde bis Solingen nicht mehr nach. Eine Wohnstraße mit schwerer Treppe am Ende, Autos, die wie angeklebt am Hang stehen, misstrauische Gesichter hinter grauen Gardinen, aufgerissene, alte Kaffeepackungen auf der Fensterbank, Geruch von kaltem Rauch bis zu uns runter auf die Treppe, auf der ich Soldat im tiefen Gang spiele. Aufstieg zum Hügel, auf der ein Teil der Bergischen Uni liegt, der Campus Grifflenberg. Von der eigentlichen Uni ist nichts zu sehen, nur die Rückseite eines toten Parkhauses, das mit dem lautesten und größten Hochdruckreiniger Europas durchgestrahlt wird. Die ganze Max-Horkheimer-Straße schreien wir uns an, dann kommt Hahnerberg. Steigung, Lärm. Autos, Krankenwagen, Polizei. Wir schreien. Burkhard erzählt wieder Insidergeschichten und ich werde somit gleich doppelt härter gemacht. Durch den in Wuppertal natürlich ausschließlich rauen, spitzsplitterigen Ashalt unter den Füßen und durch Burkhards Motivation, sich im Leben zu wehren und entsprechend laut zu werden, wenn es sein muss. Die Kombination wirkt, denn mit jedem Schritt, der meine Fußsohlen weiter scheuert und aufheizt sowie meine Muskeln übersäuert, entsteht in mir eine merkwürdige Mischung aus Albernheit, Übermut und Euphorie. Sie äußert sich darin, dass ich auf offener Straße theatralisch klage, wenn sich wieder ein Stein einbohrt und die ganze Zeit so laut rede und bölke wie ein Schiffschaukelbremser. Ich muss aber auch brüllen, denn wir sind ja noch in Wuppertal und der Lärm hört nicht auf. Selbst, als wir auf einem Friedhof das Klo der Gärtner benutzen, rasen die auf den verkommenen Wegen der Unwürde mit lauten, röhrenden Mopeds durch die Gegend. Am Übergang zu Cronenberg wirbt ein unfassbares Plakat für das Wohnen in Wuppertal. “Ich bin glücklich in Wuppertal” behauptet darauf ein gezwungen grinsender Mann vor einer 70er-Jahre-Tapete, der sich Mut angesoffen hat. Es ist unglaublich.

Die einzig schöne Ecke, die wir von dieser Stadt sehen, ist die denkmalgeschützte Brücke zwischen Strandbar und Cafe Hubraum. Danach beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Der Abschnitt Jacobsberg. Ein Weg, den jeder jugendliche Teppichstruller, der glaubt, er könne den dicken Max machen (ja, so reden wir heute den ganzen Tag, es sind die Endorphine und der Schmerz), barfuß laufen müsste, bevor er jemals wieder das Maul aufreißt. Ihr kennt diese Straße, man fährt sie, wenn man einen Stau auf der A46 Richtung Düsseldorf umgehen muss. Serpentinen, eng wie in den tiefsten Wäldern Jugoslawiens. Hänge, steil wie Wände. Ein Bürgersteig neben der Straße, den außer uns seit 25 Jahren niemand benutzt hat, zugewachsen bis zu den Knien. Ich robbe ein Stück durch den Kiefernwald und schlage einige abgestorbene Bäume in Stücke, dann bewältigen wir den Berg. Am Treffpunkt zu Fuße des Berges sind wir eine Stunde zu früh und hängen einen unserer Schnitzeljagdzettel vor das Haus, das dort steht und das tatsächlich wie das Haus aus Wandelgermanen aussieht. Verfallenes Fachwerk, wahrscheinlich verlassen, genauso wie all die halben Ruinen, die auf der Serpentinenstrecke wie Pilzgeflechte am Hang wachsen. In einer großartigen Imbissbude gegenüber des “Kuller Ecks” essen wir und ich kann nicht fassen, wie gut die Pizza ist, obschon die Bude schäbbig aussieht und der Keller, in dem ich Pipi machen darf, halb geflutet ist. Journalisten der Solinger Morgenpost kommen hinzu, sie haben unseren Schnitzeljagdzettel gefunden.

Die restlichen Kilometer fühle ich mich nur noch wie bei einem Lachanfall nach dem Kiffen, ich hüpfe, tänzele und schreie, ich rüttele Passanten und halte einen 16jährigen auf seinem Moped an. “Der Roller ist doch mit der Rapille aufgemotzt!” schreie ich und genieße seine Angst. Einem vorlauten Malergesellen, der rauchend in einem Fenster lehnt, sage ich, bevor er selbst etwas sagen kann: “Lauf erst mal 300 Kilometer barfuß, du Tintenpisser!” Ich bin auf 180, es ist unbeschreiblich und im Schmerzinferno erfrischend.

Der Auftritt im Cobra, unter dessen Dach ich übernachte und gerade komfortabl Wireless tippe, ist ebenso der beste der Tour. Denn: Die Endorphine sprießen weiter. Ich bin übermütig, ich genieße es noch mehr als sonst, eine Bühne zu haben und heute tatsächlich einen Raum, der für den Andrang des Publikums zu klein ist. Ich zeige Fotos des heutigen Tages, ich schweife ohne Ende ab, ich schimpfe und fluche gegen nahezu jedes Milieu, ich markiere den dicken Max. Das Publikum ist super, denn es reagiert und interagiert. Mit einem jungen Mann entsteht mitten aus der Show heraus eine Schlagabtausch mit Amigaspiele-Titeln, wir werfen sie uns gegenseitig um die Ohren, bis dem anderen keiner mehr einfällt.

Ich sitze am Dienstag Abend auf einer Bühne im Cobra, glühende Füße von 28 Kilometer Barfußwanderung in Lärm und Steigung und spiele mit einem Amiga-Fan Titel nennen vor den Augen eines uns beide wie die letzten Nerds bestaunenden Publikums. Herrlich. In Hartmuts Teppich tanzen die Milben wie die Keime in den Gaststätten Wuppertals.

Noch am Abend lasse ich die Strecke Wuppertal-Solingen über den Jacobsberg und die Kohlenfurther Straße unter dem Namen “Uschmann-Pfad” als Strafstrecke für vorlaute Jugendliche patentieren. Nach dem heutigen Tag bin ich ein anderer Mann, wie ich hoffe. Ich kann lauter werden, wenn es sein muss. Auf der Bühne und erst recht im Alltag. Macht euch auf was gefasst…

Fakten des 6. Tages:

Schritte: 40.239
Kilometer: 28,2
Lieder, die unwillkürlich im Kopf auftauchten: Hatebreed – “Beholder Of Justice” // Peter Maffay – “Hund des Krieges” – diese beiden, immer im Wechsel…
Steigung im Durchschnitt: 10%
Verabsackte Ruinenhäuser am Wegesrand: 57
Lärmpegel: 132 Dezibel
Momente der Stille am Tag: Einmal 20 und einmal 40 Sekunden.

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