Tourtagebuch Reloaded – Wundlauf 2007 – 29.08.2007 Düsseldorf, Zakk

Der heutige Morgen ist nahezu kontemplativ. Solingen-Ohligs, dann Hilden, dieses beschauliche Städtchen, das nicht Düsseldorf ist und in dem die Stromkästen mit stilvollen Bildern von Notenblättern statt mit unflätigen Tags und Beschimpfungen bemalt sind. Ein Innenstädtchen, in dem ich Postkarten kaufe, als wäre ich im Urlaub. Bin ich aber nicht. Das merke ich wieder ab Kilometer 15 aufwärts. Meine Haut sensibel und empfindlich, die Füße leicht entzündet und heiß. Ich werfe Aspirin ein. Ich gehe, ohne zu denken, wie ich es bei Burkhard gelernt habe. Ich gehe und mache dabei im Kopf Listen, wie ich es bei mir gelernt habe. Beim Pinkeln im versifften Wildhang neben der Autobahnbrücke stelle ich mir vor, der lieblose Streifen aus Wildwuchs, Müll und Strauchleichen würde komplett durch grünes Gras ersetzt, auf dem kleine Videospielfigürchen mit rosa Haut Marshmallows verkaufen. Ich schwächele. Auf einem Kinderspielplatz im Erkrather Wald spiele ich zwei Ligapartien FIFA 06 mit Wacker Burghausen, beide unspektakuläre 0:0s, mein Mittelfeld arbeitet gut, aber die Stürmer haben Angst vor dem Tor.

Am Nachmittag baut mich Andreas auf. Andreas ist ein Kumpel von Burkhard und seine Füße sind so stabil wie die von Siegmund aus meinem Buch. Er läuft ohne zu zucken über scharfen Rollsplitt und Schotter und zeigt mir das Schloss Eller. Der Boden unter ihm existiert für ihn kaum, er erzählt und erzählt und ärgert damit die Scherben, die ihn attackieren wollen. Patrick von den großartigen Promet wandelt mit und hält die ganze Zeit eine kleine Kamera in der Hand. “Du wolltest mich noch interviewen”, sage ich später. “Mach ich schon die ganze Zeit”, sagt er. “Improvisation regiert.” Ein Reporter der Rheinischen Post stößt hinzu und fragt, wie es ist, barfuss zu gehen. “Ziehen Sie die Schuhe aus!” antwortet Andreas, der mit Burkhard eine gewisse Direktheit teilt. Der Reporter macht es. Tapfer wandelt er mit bis in die Kiefernstraße, die heute sogar ein Polizist durchqueren kann, ohne ein Sofa auf den Kopf zu kriegen, wie es früher üblich gewesen sein muss. Das Hotel liegt am Kopf der Straße, in welcher ich aufgrund guter Freunde meiner Eltern die halbe Kindheit verbrachte. Jetzt komme ich her als Show-Profi. Das fühlt sich für Momente surrealer an als die Wandelgermanen.

Auf 30 Kilometer hat sich der Tag hochaddiert, als wir abends im Zakk auf der Terrasse stehen und uns mental auf den Auftritt vorbereiten. Ich und meine Gäste, Songwriter Alex Amsterdam und mein literarischer Gast Christian Bischopink, der einen grandios surrealen Humor fährt. Die beiden lösen mich zwischendurch ab, während ich meine Füße bade. Soundmann und Betreuer Nils sorgt dafür, dass alles derart reibungslos und unkompliziert funktioniert, wie es sich wir Künstler wünschen. Kein Rumgeeier, kein “weiß nicht, ob das mein Laptop kann”, kein kumpeliges Verbrämen von Unfähigkeit. Nur Service, reines, wunderbares Plug & Play. Meine Show selbst ist, bei aller Bescheidenheit, noch besser als gestern. Film, Fotos, Homepage, aktuelle Bilder des Tages, alte und neue Anekdoten fließen zusammen und ich genieße unheimlich die Kunst des Verzögerns und Nachklingen lassens. Ich spiele mit einer Milliarde Details, ich erzeuge Applaus für Sylvias Schöpferinnenarbeit an der WG und Jubel über die Teppichmilben. Ich genieße es, diese Bühne zu haben und davor einen vollen, einen richtig geil vollen Raum voller Menschen, die zum Teil gute Freunde und Bekannte und zum viel größeren Teil fremde Fans sind, die meinen Humor teilen und irgendwann schon nach einem Wort, einem Running Gag, einer kleinen Detailvarianz lachen. Ich reite darauf herum, inwiefern mich die Tour grober macht; ich spüre, dass nicht nur die Hui-Welt einzigartig ist, sondern auch meine Person, Deutschlands einzige Symbiose aus Germanist und Gossengrantler. Ich werde noch eitel, wenn das so weitergeht… :)

Jetzt muss ich dringend ins Hotel, morgen steht die mit Abstand längste Etappe bevor, tough begleitet von Andreas, meinem Freund Björn Germek und meinem ehemaligen Lektor Holger Kuntze. Ich freu mich drauf. Meine Füße nicht mehr.

Fakten des 7. Tages

Schritte: 45.736 (!!!)
Kilometer: 32,1
Lieder, die unwillkürlich im Kopf auftauchten: Bad Religion – “Do What You Want” // Bad Religion – “Streets Of America” // Foo Fighters – “Monkey Wrench”
Aspirin: 2
Tore auf dem Game Boy: 1 (ich gewann gegen Cottbus, als Andreas auftauchte)

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