Tourtagebuch Reloaded – Wundlauf 2007 – 30.08.2007 Krefeld, Kulturrampe

Am 8. Tag des Wundlaufs werde ich endgültig zum Gegenaufklärer. Dabei fängt der Tag gut an. Barfuß laufe ich durch Orte, an denen ich meine Kindheit verbrachte. Worringer Straße, Gerresheimer Straße, Volksgarten. Früher berührten hier meine Kinderfüße den Boden des Spielplatzes, heute wandele ich als Autor, Entertainer und Extremsportler. Die Enten sind beeindruckt. Meine Füße brennen wie die Sau, die nächtliche Erholungsphase im Hotelbett bringt nichts mehr, ich hätte längst 24 Stunden Ruhephase einbauen müssen. Aber ich ruhe ja nie. Ich bin ein Kind der Moderne.

Nach der Oberkasseler Brücke und dem langsamen Weg Richtung Treffpunkt Dominikanerkrankenhaus hält neben mir ein Taxi und spuckt Holger aus. Ich freue mich, ihn zu sehen, heute mal als Wanderer, wo wir sonst in Berlin Kaffee am Pressestrand schlürfen und die mediale Weltherrschaft planen. Am Treffpunkt stoßen Björn und Andreas hinzu, nun sind wir vier Alphamännchen aus vier verschiedenen Bereichen, ein wahres A-Team. Andreas gibt das Tempo vor und das bedeutet Schmerzen. Andreas ist wie gesagt hart wie Siegmund, tätowiert wie Henry Rollins und Schritte machend wie eine Comicfigur mit zwei Meter langen Beinen. Ich tapse mit brennenden Füßen hinterher und akzeptiere das Tempo, denn wir haben heute die längste aller Strecken vor uns, und ich bin ein Kind der Moderne. In Meerbusch hinterm Bovert zeigt uns Andreas einen winzigen Rest unveränderten deutschen Urwaldes, durch den ein nahezu unsichtbarer, zugewucherter Rest des Altrheins fließt. Aus dem Dickicht ragen tote Bäume, tellergroße Pilze daran. Ähnlich wie auf dem Klo der Imbissbude, in der wir einkehren und die als Taxidienst für Lokalgäste nur das allernötigste bereithält. Ein Thekenbrett an der Wand, Hocker davor, schmieriger Boden. Das Essen ist gut, aber drumherum genügt es den Betreibern, wenn es eben zweckmäßig ist und nicht mehr. Diese Haltung begegnet uns häufig auf unserer Reise, in Imbissbuden, um Wohnhäuser herum, in ganzen Vierteln. Man lässt alles verkommen, man trägt keine Liebe an seine Umgebung heran, man verhält sich wie der Slumbewohner in Lagos, der in der “Megacities”-Reportage des ZDF sagt, dass doch alles okay sei, weil er in seinem Bretterverschlag eine Matratze, drei Hemden und einen alten Fernseher hat.

In Meerbusch passieren wir die Wohnung, in der früher meine Tante Marlies und mein verstorbener Onkel Dieter lebten, wieder also humpele ich durch einen Teil meiner Vergangenheit; mein Leben zieht an mir vorbei. In Krefeld angekommen, einem kleinen Außenstadtteil, kacke ich auf dem engen Klo einer menschenleeren Kneipe für alte Barfliegen, während Andreas draußen eine Autofahrerin anscheißt, die auf dem Gehweg parken will. Er wird aggressiver, je städtischer und industrieller die Gegend wirkt und Björn beobachtet das alles als Transaktionsanalytiker mit großem Interesse. Außerdem zitiert er nach einer iPod-Lärmbelästigung auf der Hinfahrt unablässig ein paar Textfetzen von Rammstein und Grönemeyer, so dass mir ein paar Kilometer lang die beiden Sätze “Hätt gern ein Eigenheim” sowie “Ich bin enttäuscht!” durch den Kopf schwirren.
Spätestens im Gewerbegebiet Untergath/Dießemer Bruch fließt Andreas und auch mir der Hass aus den Poren. Hass auf diese Zivilisation, in der links und rechts neben den breiten Straßen Großmärkte, Tankstellen, Schuhcenter und A.T.U.-Filialen all die Bedürfnisse befriedigen, die wir uns selbst erschaffen haben, während der Barfußläufer fassungslos zwischen dem Lärm, den Abgasen und der totalen Charakterlosigkeit solcher Gegenden steht, mit brennenden Füßen und Herzen. Die Sehnsucht nach dem Gegenteil – renaturierten Wegen, dörflicher Gemeinschaft, vormoderner Langsamkeit – haben sie uns politisch versaut, sie gilt als reaktionär, weil die Romantik als Gegenaufklärung startete und sich bis heute so gibt. Wenn das hier allerdings Aufklärung ist, soviel sind wir uns heute einig, dann scheißen wir auf die Aufklärung.

Die Lesung in der Kulturrampe ist so roh wie der kleine industrielle Bau in einem ehemaligen Speditionsgebäude. Kein Beamer, kein Mikro, Fußwanne aus Gusseisen, Ohrensessel und eine gewisse erschöpfte Entspanntheit bei vollem Haus und gutem Publikum. Für die Nacht spendiert Holger mir ein Zimmer im Nobelhotel Mercure, “wenn dir das hilft”. Oh ja, das half! Im Fernsehen sprachen sie, während ich duschte, über den Burnout.

Fakten des 8. Tages

Schritte: 41.936
Kilometer: 29,4
Lieder, die unwillkürlich im Kopf auftauchten: Rammstein – “Bück dich” // Fanta 4 – “Einfach sein” // Bad Religion – “A Walk” // The Beatles – “Penny Lane” // Hatebreed – “This Is Now” // Bad Religion – “Cease”
Risse und kleine Wunden: 8
Fußtemperatur: 77 Grad
Anti-zivilisatorischer Zorngrad: hoch

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