Tourtagebuch Reloaded – Wundlauf 2007 – 31.08.2007 Duisburg, Cafe Steinbruch

Gegenaufklärung, Teil 2. Heute laufen wir wieder zu dritt – Holger, Burkhard und ich. Björn und Andreas sind heim, die Rezeptionsdamen der Nobelbude schauen uns an wie Aliens, als wir sagen, dass wir kein Taxi brauchen und jetzt zu Fuß nach Duisburg gehen. Der Weg über die Uerdinger Straße bis zur Rheinbrücke ist so attraktiv wie ein Salmonellensandwich, Füße und Männer sind gereizt. Dann aber folgt der eindrucksvollste Moment der Tour. Wir steigen auf einem Dienstweg an der Rheinbrücke hinab in die Auen und gehen drei Stunden durch die Rheinaue Ehingen, über breiten, endlosen Naturboden. Links neben uns der Rhein, rechts Felder und Wiesen. Sofort fällt aller Stress von uns ab. Die Füße schmerzen nicht mehr trotz der gesundheitsgefährdenden Überreizung der letzten Tage, alle Aggressionen weichen und im Kopf spielen gar keine Ohrwürmer mehr. Die Geräusche der Natur genügen. Eingeklemmt zwischen Industrie an allen Horizonten reichen schon die paar Kilometer Bollwerk aus Natur, um völlig anders zu gehen und zu fühlen, wir könnten 20 Kilometer auf diesem weichen, grasigen Naturboden gehen und es würde nichts schmerzen.

Doch irgendwann enden die Wiesen, wir landen auf dem Gelände von Mannesmann und müssen die folgenden gefühlten fünf Stunden das gigantische Areal des Stahlriesen umrunden. Schwermetallischer Staub muss auf die Wiesen niedergegangen sein, denn unsere Füße sind rot. Die ganze beschissene Mannesmannstraße besteht nur aus Lärm, Gestank und zu verkaufenden Häusern, Beton, Zäunen und Grau. “Wer hier lebt, muss doch verrückt werden”, sagt Burkhard. Ich bin es schon. Nur den Aufenthalt im Vorzelt einer heruntergekommenen Pommesbude genießen wir. Ihr Dach erschlägt uns fast, weil es nur mit einem Besenstiel gesichert ist, wir essen auf einer Bank mit schmieriger Plastiktischdecke, aber es macht Spaß. Es macht Spaß, diesen aus dem letzten Loch pfeifenden Ort der Gastronomie voll zu nutzen und dabei das Lachen einer Frau im Rollstuhl zu sehen, die wohl den ganzen Tag an diesem trostlosen Ort sitzt und selten mal Gäste vorfindet, die mit rot glühenden Füßen darüber spekulieren, ob der Chef von Mannesmann-Tor 1 seine Existenz vielleicht nur deshalb ertragen kann, weil er die Rechte am Peter-Maffay-Album “Steppenwolf” besitzt.

In Duisburg fluchen wir über die Architektur von Bausünden wie dem Kaufhof und müssen von Holger hören, dass man solche Kästen in den 60ern “demokratisches Bauen” nannte und gerade in Berlin alte, erhabende Gebäude, die nicht im Krieg zerstört wurden, dennoch nachträglich abriss, weil sie als faschistoid galten. Schmucklosigkeit und Waschbeton als bauliche Aufklärung sozusagen; dieser “Antifaschismus” ist so zum Kotzen, dass man den ganzen Tag Nietzsche zitieren möchte. Im Lokalfernsehen Studio 47 halte ich meine zerschundenen Füße in die Kamera, bevor der Rest des Abends professionell und luxuriös wird. Sebastian Schwenk vom Cafe Steinbruch und sein Team machen alles richtig und wissen, wie man den Künstler behandelt, wir fühlen uns sauwohl und ich kann die Anwesenheit meiner ganzen Familie samt eines guten alten Freundes genießen, die sich besonders schlapplachen, da die zum Beispiel den echten Herrn Leuchtenberg kennen. Besonders die Lachkrämpfe meines Vaters stacheln mich zu einer sehr dynamischen Show an; die Signierstunde beim engagiertesten Buchhandel der Tournee dauert lange. Toll. Das Hotel Regent am Dellplatz ist auch noch das tollste der Reise, denn es ist inhabergeführt, keine Kette und hat dennoch ein 24-Stunden-Schwimmbad und eine Badewanne. Mit dem Game Boy über den warmen Fluten endet der Tag, während Holger sich schon für eine sehr frühe Abreise den Wecker stellen muss.

Fakten des 9. Tages

Schritte: 34.191
Kilometer: 23,9
Lieder, die unwillkürlich im Kopf auftauchten: Bad Religion – “Them & Us” // Deftones – “Hole In The Earth”
Risse und kleine Wunden: 5
Fußtemperatur: 87 Grad
Anti-zivilisatorischer Zorngrad: sehr hoch

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