Tourtagebuch Reloaded – Wundlauf 2007 – 01.09.2007 Oberhausen, Zentrum Altenberg

Letzter Tag, nur 12 Kilometer. Entspannter Journalistentermin vor dem Hotel, Start im Regen, der erst endet, als wir uns angewidert von Beton, Brücken und Straßen bei der Ludwig-Krohne-Straße runter in die Ruhrwiesen begeben und fortan wieder auf sehr weichem Naturboden gehen. Nach zwei Kilometern wird es abenteuerlich und wir müssen unter Stacheldrahtzäunen durchkriechen. Dann betreten wir Mordor. Dieses Gebiet wurde vor einer Woche beim Hochwasser geflutet und ist jetzt Sumpfland. Drei schwarz verweste, süßlich stinkenden Hasenleichen liegen im Matsch und was das schlimmste ist: wir kommen nicht über die Ruhr. Kein Übergang, nirgends. Also müssen wir unter zwei Eisenbahnbrücken und der A40 durch bis zur Raffelbergbrücke und sehen zwischendrin ein Gebiet, das kein Mensch normalerweise betritt. Die Bodendeponie Kolkmannshof; alte, abgestellte Bauernfahrzeuge, halb verrostet und gruselig unter der großen Brücke, ein absurdes 2-Quadratmeter-Box-Häusschen mit vernagelter Tür, Fenster und Gardinchen. Eine Gegend wie von einem verwaschenen Sonic Youth-Cover, ein Areal halber Anarchie und verkeimten, halb abgeflossenen Hochwassers. Auf der anderen Seite der Ruhr gehen wir denselben Weg zurück, haben unsere Tageskilometer jetzt schon voll, essen bei einem lustigen Türken am Obermeidericher Bahnsteig, der die Bestellung eines Döners mit der Frage “Warum?!” beantwortet und kommen doch vor 15 Uhr am Zentrum Altenberg an, wo sich Veranstalter Ingo rührend um uns sorgt und uns im Haus Hagemann zwei Zimmer nur zum Duschen und ausspannen bucht, obwohl wir nach der Show abreisen werden. Das Kino im Zentrum Altenberg ist ein toller Raum für die letzte Show, altes Programmkino eben mit der Leinwand als Beamerleinwand und einem gemütlichen Gastronomievorraum, in dem ich mich auf der alten Oma-Couch fleze.

Nach einem kurzen Abstecher zum Bahnhof und ins Internetcafe kehren wir ins Zentrum Altenberg zurück, Galore-Fotograf Markus, der mich am ersten Abend in Herbern mit jungfraulichen Füßen fotografierte, macht heute Abend die Fotos vom Abschluss. Spätestens jetzt erfüllt mich diese Mischung aus Erleichterung und Melancholie über das Ende der Tour, Burkhard erzählt allen, dass ich die härteste Sau sei, die er jemals kennengelernt hätte und dass es unfassbar sei, wie stur ich das auf blanken Füßen durchgezogen hätte. Ich baue ab, lasse los, mache eine sehr stark von Improvisation und müdem Übermut geprägte Performance, deren reinen Lesepassagen man anmerkt, dass ich einfach nicht mehr kann und am Ende bin. Nach dem Auftritt fallen wir in Markus’ Auto, der erst Burkhard und dann mich nach Hause bringt. “Das ist die einzige Stunde gewesen, in der ich dich mal nicht habe reden hören”, wird er am nächsten Tag sagen; wie bewusstlos liege ich auf der Rückbank und denke nur noch an Sylvia, die Katzen und unser Bett. Als ich zwei Stunden später endlich drin liege, die schmerzenden Füße auf der Matratze, meine Liebste neben mir und die Katzen zwischen den Decken, kann ich kaum glauben, dass ich das wirklich getan habe und die Tour nun vorbei ist. Einen halben Sonntag Ruhe kann ich mir gönnen, dann steht beruflich ein Kranz aus Terminen und Aufgaben an, der lauter und fordernder ist als die Uerdinger Straße im Nachmittagsverkehr. Ich bin zehn Tage gewandelt und habe eine Landkarte und Strecke in meinem Kopf erschaffen, von der ich kaum glauben kann, sie zu Fuß absolviert zu haben, barfuß, die ganzen Kilometer und Städte, barfuß, als sei man als Kind nachts aufgestanden und habe sich im Schlafanzug verirrt; barfuß, wie in Trance und doch wacher als in zwei Jahren Redaktionsarbeit mit klingendem Telefon und schwachsinnigen Mails. Einen halben Tag kann ich schlafen, dann warten Berge auf meinem Schreibtisch. Die Parallelwelt ist beendet. Ich hätte sie keinen Meter länger ausgehalten, auch wenn ich keinen davon bereue. Ich bin ein Kind der Moderne. Ich bin zu Hause.

Fakten des 10. Tages

Schritte: 28.567
Kilometer: 19,9
Lieder, die unwillkürlich im Kopf auftauchten: keines mehr
Müdigkeit: hoch
Worte, auf der Rückfahrt gesprochen: 2

This entry was posted in Tourtagebuch 2007, Wundlauf 2007 and tagged , , , , . Bookmark the permalink.

Comments are closed.