Tourtagebuch Reloaded – Wundlauf 2007 – Endgültiges Fazit & 07.09. Köln, Eins Live Klubbing

Vorgestern Abend bin ich barfuß durch das Parkhaus unter dem Mediapark in Köln gelaufen und habe mein Auto gesucht. Das Parkhaus unter dem Mediapark ist eine Unterwelt so groß wie unser ganzes Dorf hier im Münsterland, ein Monstrum, ein Dungeon, den man als Map für “Counter Strike” einscannen müsste. Ich brauchte eine halbe Stunde, bis ich den Wagen wiederfand, noch ganz berauscht von meinem Auftritt im Eins Live Klubbing, dem dritten in Folge, noch voller besucht und noch mehr bejubelt als ohnehin sonst, mit Autogrammen, Handy-Fotos meiner geschundenen Füße und einem Visions-Leser, der mir unheimlich gutes und konstruktives Feedback zu meiner Arbeit als Journalist gab. Solche Abende erinnern einen immer wieder selbst daran, dass man ein Profi ist, ein Berufskünstler und Entertainer, man vergisst das immer wieder. Wie Teile meiner Familie, die nach der Lesung in Duisburg erstmals vollständig verstanden hatten, dass ihr kleiner Oliver, der sich doch gestern noch mit seinem Onkel Lego-Stein-Schlachten im Wohnzimmer und dann später in einer anderen Form von Kindheit Pflasterstein-Schlachten mit der Polizei lieferte, jetzt wirklich so sein Geld verdient wie es auch ein Dieter Nuhr, ein Frank Goosen oder ein Nick Hornby tun. Lob bekommt man schon, wenn man seine ersten Gedichte in Zeitschriften mit Schnörkelschrift veröffentlicht. Respekt aber, der dem eines normal verdienenden Fachmannes für irgendwas entspricht, muss man sich langfristig verdienen. Ihr kennt das, wenn ihr eine Band habt. Oder malt. Oder…

Na jedenfalls, ich suche das Auto, barfuß, im Parkhaus. Ein Sinnbild. Uschmann verloren in der Zivilisation, die ihn nach zehn Tagen im Paralleluniversum wieder aufgenommen hat und in der er sich nun nicht mehr zurechtfindet. Das allerdings wäre gelogen. Ich finde mich zurecht. Aber der Wundlauf 2007 wirkt nach. Die ersten zwei Tage danach war ich zynisch, bitter und zornig. Auf die Zivilisation, die Burkhard, Andreas, Holger, Björn, mir und all den anderen Mitläufern das Leben mit Asphalt, Lärm und Dreck so schwer machte. Auf die Unwirtlichkeit der Welt, die einem erst bewusst wird, wenn man die Kohlfurther Straße oder das Mannesmann-Viertel von Duisburg schutzlos barfuß läuft. Auf mein Alltagsleben, in dem nach zehn Tagen Wundlauf drei Meter Post angewachsen waren und ich kaum Zeit hatte, mich zu entspannen, sondern sofort rein musste in journalistische Aufträge, Steuerpapiere und Mails. Die letzte Woche verbrachte ich damit, für GEE ein großes Essay über den “Reiz des Schweren” in Videospielen zu schreiben, ein toller Text, der mich aber Nerven kostete. Um viele alte Spiele geht es darin, um Herausforderungen, die nicht mit Wahnsinnsgrafik oder Eskapismus belohnten, sondern uns nur dadurch kitzelten, dass wir sie schlagen wollten, diese biestigen, kleinen Module, in denen wir stundenlang Mauern abschlugen, um den einen versteckten Durchgang zu finden. Auch der Wundlauf 2007 war so ein schweres Spiel in der Wirklichkeit, nahezu unschaffbar, die Hitpoints im Akkord fressend, aber dennoch überstanden. “Ihr Sohn ist die härteste Sau, die ich kenne”, sagte Burkhard meinen Eltern und die waren beeindruckt, denn Burkhard ist ja bekanntlich einiges gewohnt. “Ich war erstaunt, wie viel Hass auf die Zivilisation ich an zwei Tagen entwickelt habe”, sagte Holger und auch Björn war nach dem Mitlaufen am Ende.

Der Hass ist mittlerweile verflogen, es bleibt gesunder Zorn. Konstruktiver. Die Fähigkeit, zwischen dem Möchtegerngangster und seiner dreisten Selbstgerechtigkeit und dem Dönerwirt zu unterscheiden, der die Bestellung eines Lahmacuns mit der Frage “Warum?” zwar auch in einem Tonfall beantwortet, der aggressiv klingt, hier aber nur herzhaft gemeint ist. Die Fähigkeit, aus der Tatsache, dass sich das extrem anstrengende, aber simple “Laufen und Lesen” des Wundlaufes weniger stressig anfühlte als das alltägliche “37 Anfragen gleichzeitig erledigen” nicht Wut und Verzweiflung zu schließen, sondern die Fähigkeit, öfter “Nein!” zu sagen und sich Freiräume zurückzuerobern. Die Fähigkeit, ab jetzt jede Strecke, die ich zurücklege, in ihrer wahren Länge ermessen zu können und hin und wieder das Lebenstempo anzupassen. Die Fähigkeit, Grenzen zu ziehen, ohne diese aber direkt zu verminen. Die Fähigkeit, Nachbarskindern, Promotern, Beamten und sonstigen Daueranklopfern klar zu sagen, wo und warum Schluss ist, ohne sie misanthropisch zu verfluchen. Es brauchte die klare Zurede Sylvias und unserer zwei Katzen, damit ich das alles so nahrhaft aus dem Erschöpfungsbrei dieser Extremtournee ziehen konnte statt ihn nur zu Wutklumpen zu formen. Das ist jetzt geschafft. Ab morgen verbreite ich meine Weisheiten als Wortguru die ganze Woche an der Ruhr-Universität, just im Moment grabe ich mich wie “Mr. Digger” durch Berge offener Papiere, Mails und Gedanken. Ich freue mich auf meine konventionelle Lesereise, die mich ab Mitte September bis in den Dezember hinein wieder durch ganz Deutschland führt, ich muss dringend ein paar weitere Bücher schreiben, ich werde wieder auf Rastplätzen leben, ich werde weiter barfuß laufen (wenn zwei Dornwarzen raus sind, was ein Blutbad geben kann), ich werde jeden Untergrund aber auch mit Schuhen beim bloßen Sehen fühlen können. Ich habe letzte Woche mehrere kleine Aufträge und Engagements abgesagt.

Und, so viel sei angedeutet, ich habe nicht die letzte Tournee gemacht, deren Rahmen ein ungewöhnliches Konzept war…

Bis bald,
Euer
Wandelgermane

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