Tourtagebuch Reloaded – 18.09.2007 Hannover, Lehmanns Buchhandlung

Eigentlich ist Hannover eine erstaunlich angenehme Stadt. Zumindest, wenn man sie so privilegiert wahrnimmt wie ich, der ich in den idyllischen, mit verträumten Brunnen dekorierten “Landhausterrassen” in Buchholz wohnen darf und dieses Mal nicht nach Linden zur Lesung fahre, sondern mitten hinein in den neoliberalen Traum von Innenstadt, der manchmal ja auch ganz angenehm ist. Pflaster wie geleckt, Gebäude wie aus einem perfekt gestalteten Adventure, fast vorweihnachtliches Licht auf den Auslagen, als ich mit Marcus von der Buchhandlung einen Apple-Händler suche, der noch geöffnet hat, um mit meinem Mac die Fotos der Wundlauf-Tour auf die Leinwand schmeißen zu können. Wir finden die Händler, aber sie winken alle hinter geschlossenen Türen. Apple ist wie Leuchtenberg. Apple hat Öffnungszeiten nicht nötig. Eine Stunde vorher bin ich fünf Mal um das Steintor-Viertel gefahren, um einen Parkplatz zu finden, jene interessante Mischung aus blitzblanker Konsumzone und Hannoveraner Reeperbahn.

Die Buchhandlung Lehmanns ist gigantisch groß und organisiert mit Lehmanns Live unablässig Lesungen und Ereignisse. Vor mir war Rafik Schami dran. Der, so sagen alle, war großartig, habe komplett nur improvisiert, Speisen seiner Heimat mitgebracht und ohne ein Wort zu zitieren eine Menge seiner Bücher verkauft. Ulrich Wickert hingegen sei ein arroganter Sack, voller Allüren, abweisend, wie deutsche etablierte Moralisten eben so sind. Das erzählen mir Sigfrid und Hartmut (wirklich!) aus der ersten Reihe, die allein so aufmerksam und toll reagieren, dass die Lesung schon nur für die beiden die 236 Kilometer wert war. Es sind aber noch 68 andere da plus die halbe Belegschaft und mir wird ganz blümerant vor lauter Zuspruch. Es scheint so, als nehme dieses Publikum Buch, Homepage auf der Leinwand, “Wenig Arbeit”-Postkarte und noch den kleinsten Button noch dankbarer und wertiger wahr als das Publikum in den Clubs. Dort bin ich eher Punkrock, hier eher Prog, obwohl ich immer derselbe bin. Ich improvisiere wie Schami, ich habe eine Menge Spaß, ich sitze vor dem Regal mit Kinder-CDs, ich könnte die ganze Nacht da bleiben.

Am Ende signiere ich Bücher und schreibe das Gästebuch voll (ja, voll!), rufe daheim an wie “ich” aus dem Getränkemarkt und finde hier einen Call Shop, der so modern und schnieke wirkt wie die Brücke der Enterprise; in Rufweite der Bordelle, aber noch nicht Ghetto. Toll. Gleich fahre ich in mein Brunnen-Hotel, versuche mich, irgendwie in das Netzwerk zu hacken und noch eine Folge Bob Ross auf YouTube zu ergattern. Fernsehen gibt es dort nicht; dafür antike Möbel und Kastanienbäume. Ich glaube, Hannover hat mich…

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